Startseite
Spannende Texte zum Thema
Erfahrungsberichte Ehemaliger und weitere Informationen
 
Buchtipps
Weiterführende Links
 
Forum für Diskussion, Austausch, Events, Buchtipps

links

Wenn das befreite Leben zur Seelenqual wird

Die Psychokultgruppe Avatar sammelt Anhänger im süddeutschen Raum - Experten warnen vor Bewusstseinsveränderung

"Etwas verblasen" und "dämlich", das sind die eher milderen Urteile, die Gabriele Lademann-Priemer, die Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Nordelbischen Kirche über "Avatar" fällt. "Relativ radikal" sei die Psychogruppe, die der Ex-Scientologe Harry Palmer 1987 gegründet hat, sagt der Diplom-Psychologe Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin. "Avatar" hat nach eigenen Angaben in 70 Ländern etwa 100000 Anhänger und boomt zur Zeit in Süddeutschland, vor allem im Bodenseeraum und im Großraum Zürich, wie Lademann-Priemer und Utsch bestätigen.

Der Begriff "Avatar" stammt aus dem Hinduismus und bezeichnet die Reinkarnation zum Beispiel des Gottes Vishnu in Krishna oder Rama. Ein "Avatara", der Herabstieg Vishnus, hat noch nicht stattgefunden, was die so genannten Meister diverser Psychokulte dazu verleitet, sich als Wiedergeborene auszugeben. Die in den Kursen Palmers erlernten "Technologien" vermitteln den psychisch oft labilen Absolventen ein ausgeprägtes Elite- und Sendungsbewusstsein.

Der Einstieg in die Harry-Palmer-Literatur, vor allem über sein Hauptbuch "Die Kunst, befreit zu leben", lässt zunächst den Schluss zu, bei "Avatar" handle es sich um eine der Erscheinungen, die der seit einigen Jahren überschwappende Esoterik-Markt mit sich bringt: Ein paar Fragmente aus dem Hinduismus, ergänzt mit Erkenntnissen aus LSD-Experimenten während der Hippie-Zeit, verpackt in eine verklausulierte Terminologie - fertig ist die schlichte, skurrile "Lehre" namens "Kreativismus", die sich Anfängern in einem tausende von Euro kostenden nur neuntägigen Kurs erschließen soll.

Doch dieser Nepp ist noch nicht einmal das Bedenklichste an dem 58-jährigen Amerikaner Harry Palmer und seinen Anhängern, die sich je nach Hierarchie-Stufe Master, Trainer oder "Wizard" (Zauberer) nennen. Berichte von Aussteigern belegen, dass "Avatar" Strukturen hat, die von Gruppierungen bekannt sind, die landläufig, aber falsch als Sekten bezeichnet werden. Angehörige und Freunde von "Avataren" schildern merkwürdige Verwandlungen, die mit der Beschäftigung der Harry-Palmer-Ideologie einhergehen. Verhaltensmuster wie sie von Scientologen, Mun- oder Baghwan-Anhängern bekannt sind, beunruhigen die Umgebung.

So berichtet der einstige Lebensgefährte einer 27-jährigen Frau aus dem Bodensee-Raum über deren "Karriere" bei "Avatar", die unter anderem zum Bruch der Beziehung führte, die als Hindernis auf dem Weg zur Erleuchtung galt. Der Mann, der sich sicher ist, dass seine Freundin einen "Trennungsbefehl" befolgt hat, beschreibt auch anhand von SMS-Protokollen, wie die junge Frau sich während des Neun-Tage-Kurses verändert hat. Einmal versicherte sie, ohne danach gefragt worden zu sein, es gebe keine Gehirnwäsche. Am nächsten Tag schien sie verzweifelt gewesen zu sein. Die Nachricht lautete, sie würde den Kurs am liebsten abbrechen. "Am sechsten Tag ist sie umgekippt", berichtet der Mann von der Bewusstseinsveränderung seiner Freundin, die sich in Orientierungslosigkeit im Alltag, Abbruch von Kontakten zu Bekannten und auffallenden Änderungen im Wortschatz zeigte. Was genau in diesen Kursen geschieht, ist nicht bekannt, weil die Übungsmaterialien geheim gehalten werden.

Eine Frau aus Norddeutschland hatte Einblicke in diese Kurse, weil sie aus Angst um ihre beste Freundin diese dorthin begleitete. In ihrem Erfahrungsbericht werden "beeinflussende und manipulative Gruppentechniken" beschrieben, die die Frau, die sich gar nicht auf "Avatar" einlassen wollte, in "eine psychische Krise stürzten. Ich vergaß, wer ich bin." Hilfe konnte nur noch ein Psychologe leisten. Aussteiger schildern auch Zusammenbrüche während des ominösen Trainings. Und eine Praxis, die für alle autoritären Psychokulte typisch ist: erzwungenes, oft mehr als zehnstündiges Meditieren. Zeit für Selbstreflexion ist Gift für macht- und geldgierige Gurus. Und dann ist da noch der Samadhi-Tank. Das ist eine schallisolierte Badewanne mit Deckel, die mit lauem Salzwasser gefüllt wird. Diese Meditationstechnik ist in Indien seit jeher bekannt, für westlich orientierte Menschen aber durchaus mit Gefahren verbunden: Der Aufenthalt in diesem eiförmigen Gefäß könne für psychisch labile Menschen zum "Höllentrip" werden, warnt der Schweizer Psychopathologe und Religionswissenschaftler Franz Schlenk.

Schlenk und andere Experten für Psychokulte und oktroyierte Weltanschauungen machen auch darauf aufmerksam, dass in der "Lehre" wie in der Diktion Harry Palmers etliche Passagen dem ähneln, was der Scientology-Gründer, der Sciencefiction-Autor L. Ron Hubbard, zusammen geschrieben hat. Mit "Avatar" ("noch nie gehört") habe ihre Organisation nichts zu tun, sagt die Sprecherin der Deutschlandniederlassung des Psychokonzerns, Sabine Weber. Auch die "Avatare" selbst geben sich ziemlich zugeknöpft, werden sie auf Scientology angesprochen.

Gabriele Lademann-Priemer und Michael Utsch stufen die Bewegung Harry Palmers, für die laut Schlenk überdurchschnittlich viele Frauen und Angehörige therapeutischer Berufe anfällig sind, als nicht ganz so gefährlich ein wie Scientology. "Softer", sagt die Hamburger Theologin, die allerdings schon mehrere "Avatar"-Aussteiger betreut hat, die den Boden unter den Füßen verloren hatten. Laut Michael Utsch ist auch die politische Dimension nicht so monströs wie bei den Hubbard-Jüngern, die nichts weniger als die Weltherrschaft anstreben. Dazu fehle es schon an Finanzkraft. Diese ist dennoch beachtlich. Durch das lizenzierte Kurssystem habe Palmer in den vergangenen 15 Jahren über 35 Millionen Euro gescheffelt, hat Franz Schlenk errechnet. Genügend Kapital für eine groß angelegte Expansion. Derzeit hat der Psychokult die nicht sehr stabilen Gesellschaften Osteuropas im Visier.

Erschienen im Südkurier vom 31. Oktober 2002
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion Südkurier © 2002

 

zurück zum seitenanfang