Schwetzinger Zeitung vom 13.03.02

 

"Die Religionsfreiheit darf nicht missbraucht werden"

 

Podiumsdiskussion zum Thema "Wenn Glaube krank macht..."

 

Zg.Der persönliche Glaube ist etwas, was jeden angeht und so war es nicht verwunderlich, dass sehr viele der Einladung zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel " Wenn Glaube krank macht,,,,!" folgen. Auslöser für diese Podiumsdiskussion waren irritierte Fragen einiger Bürgerinnen und Bürger, die das Entstehen eines grossen Kirchengebäudes der Neuapostolischen Kirche in Hockenheim beobachteten. Deshalb lud die Landtagsabgeordnete Rosa Grünstein den Experten Dr. Olaf Stoffel, Theologe, Pädagoge und ehemaliges Mitglied der Neuapostolischen Kirche ein, um die Bevölkerung aufzuklären und zu Fragen Stellung zu nehmen. Da aber das Thema Scientology auch noch nicht abgehakt werden kann und sich in letzter Zeit vermehrt die verschiedensten Sekten auf dem deutschen Markt tummeln war auch der Sektenexperte des Bistum Speyer auf dem Podium.

 

Christopf Bussen, der mehr als 80 sektenähnliche Gruppierungen im Raum Speyer beobachtet, erläuterte zunächst einige Vorgehensweisen dieser Gruppierungen. Anfangs scheint alles noch ganz harmlos zu sein und oft gut getarnt, vermutet man kaum eine Sekte. So berichtete Christoph Bussen, dass z.B. die Organisation "Universelles Leben" erst als Erzeuger von Bioprodukten auftrete. Man glaube, es gehe um gesunde Ernährung und dagegen sei auch nichts einzuwenden. Aber an der Spitze dieser Organisation und das wissen die wenigsten, stehe eine Prophetin, welche vorgebe, dass sie das Sprachrohr von Jesus Christus sei. Auch das sei noch nicht bedenklich. Mische sich aber die Organisation in Fragen der Kindererziehung, Behandlung von Krankheiten ein oder entscheide sie gar darüber, wieviel Eigentum man brauche, dann werde es gefährlich.

 

Krank könne Glauben vor allem bei den sogenannten Weltuntergangsreligionen machen, betonte Bussen. Religionsgemeinschaften wie die Zeugen Jehovas schürten bewusst Ängste bei Ihren Mitgliedern. Hier werde immer wieder mit erhobenem Zeigefinger gewarnt. Bussen zitiert hierbei aus dem Wachturm:"Der grosse Tag ist nahe und es bedeutet Krieg." Die Menschen würden absichtlich in Todesangst versetzt und man stelle diese Botschaften als Tatsachen und nicht als Metaphern dar. Gerade bei Kindern könne dies fatale Schäden an der Psyche bewirken. Alpträume seien noch die geringsten Folgen, betonte der Referent.

 

Um Scientolog sei es zwar ruhiger geworden, aber diese Methoden und die Gefährlichkeit dieser Sekte seien unverändert, stellte Bussen fest. Noch immer würden die Scientologen behaupten, man wäre krank und benötige Heilung durch "Auditing" und verschiedene, meist sehr teure Therapien. Meist würden diese Therapien die Gesundheit der Menschen verschlechtern, was für Scientologen der Beweis für die Schwere der Krankheit sei. Die Folge: Man benötige noch mehr dieser Therapien-ein Teufelskreis.

 

Der zweiter Experte auf dem Podium, Dr. Olaf Stoffel, berichtete als ehemaliges Mitglied der  neuapostolischen Kirche über diese Glaubensgemeinschaft. Er selbst wurde in diese Gemeinschaft hineingeboren und war auch einmal Amtsträger. Aber irgendwann hinterfragte er den Glauben und beschäftigte sich näher mit der Entstehungsgeschichte der Glaubensgemeinschaft. Da ihm bei seinen Nachforschungen oftmals Steine in den Weg gelegt worden sind, bekräftigte seine Entscheidung,

diese Gemeinschaft zu verlassen. Eine Entscheidung, die ihm nicht leicht fiel, da er vollkommen auf sich allein gestellt war. Es ist nicht üblich, in der Neuapostolischen Kirche Außenkontakte zu pflegen. "Nur Neuapostolen haben einen Platz bei Gott" wird den Mitgliedern schon von klein auf vermittelt, so Dr Olaf Stoffel. Wer sich von dr Glaubensgemeinschaft löse, stehe alleine da.Damit diesen Menschen geholfen werden kann, hat Olaf Stoffel eine Selbsthilfegruppe gegründet. " Die Betroffenen müssen über Jahre hinweg Psychotherapeutisch behandelt werden, so stark ist der seelische Druck," berichtete Stoffel. Depressionen und Angstzustände seine oftmals die Folge. " Der Glauben eines Menschen sollte ein Gefühl von Freiheit vermitteln und keinesfalls Druck ausüben" so Olaf Stoffel.

 

Die anschliessende Diskussion machte klar, wie schwierig es ist, sich mit dem Thema Glauben zu befassen, besonders, wenn es um den Glauben eines anderen geht. Besonders eindrucksvoll warend die Schilderungen Betroffener. So kamen "Aussteiger"zu Wort, die das vom Podium Gesagte voll unterstützten. Aber auch solche, dei weiterhin in ihrer Glaubensgemeinschaft leben, berichteten von  den grossen persönlichen Problemen die sie bei der Bewältigung bestimmter Situationen in ihrem Leben hatten.

 

Die gesamte Diskussion war geprägt von grosser Ehrlichkeit und ausserordentlicher Aufmerksamkeit. Am Schluss stimmten aber alle der Landtagsabgeordneten  Rosa Grünstein zu:"Es geht darum, dass wir nicht zulassen dürfen, dass die Religionsfreiheit in unserem Land, zu der wir sicher alle stehen, zur verdeckten

Missionierung misssbraucht wird und dass grundsätzlich gechützte Rechte als Deckmantel zur Festigung totalitärer Strukturen missbraucht werden."