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anthroposophie/rudolf steiner

Erfahrungsberichte von ehemaligen Mitgliedern:


Christoph Keller, aufgewachsen in einer tief anthroposophisch geprägten Familie, schildert seine Erlebnisse und Konflikte mit der Lehre Rudolf Steiners.

 

Erfahrungsberichte auf dieser Seite:

 

anthroposophische erziehung

Mein Vater ist Anthroposoph, und zwar Hardliner, er kommt aus einer anthroposophischen Familie. Meine Mutter ist strenge Katholikin, was zu gewissen Konflikten führte, was meine religiöse und moralische Erziehung anging, aber de facto einigten sie sich auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner des totalen Gehorsams gegenüber "Gott", verbunden mit Moralvorstellungen aus dem 19.Jahrhundert. Ich habe keinerlei Kontakt mehr zu ihnen.

Den intensivsten Kontakt mit der Anthroposophie hatte ich in meiner Grundschulzeit, als ich in eine Waldorfschule ging. Die gängisten Kritikpunkte an Rudolf Steiners Lehre sind der Vorwurf von Rassismus und menschenverachtendem Weltbild. Das ist auch sicher richtig, aber diese Kritik geht meiner Meinung nach völlig am Wesentlichen vorbei. Man muss bedenken, dass Steiner zu allen Lebensbereichen, allen Wissenschaften, einfach zu absolut ALLEM Theorien aufgestellt hat. D.h., wenn man Anthroposoph ist, entkommt man niemals seinem Einfluss, zu allem gibt es anthroposophische Regeln, an die man sich halten muss.

So war es in der Grundschule tabu, Süssigkeiten und Kaugummi zu essen - was wir natürlich heimlich taten und uns hinterher enorme Schuldegefühle verursachte. Fersehen, Filme, Comics, nicht-anthroposophische Bücher, gängiges Spielzeug, zeitgemässe ("normale") Kleidung, Sport, generell alles, was "modern" war, war verboten. Die Lehrer kontrollierten dies sogar bei Hausbesuchen. Statt dessen wurde die Steinersche Philosophie, geschickt in "kindgemässe" Form verpackt, tagein, tagaus im Unterricht runtergebetet.

Später ging ich umständhalber auf ein staatliches Gymnasium, aber die Indoktrinierung daheim ging natürlich weiter. Mein Lebenslauf war bereits vorgezeichnet, bevor ich überhaupt erwachsen war. Man wollte mich von allen äusseren Einflüssen und "Gefahren" abschotten, auf Religiösität fixieren, jeglichen Kontakt zu meinen Mitmenschen, ausgewählte "korrekte" Personen natürlich ausgeschlossen, verhindern. Ich durfte nicht alleine vor die Haustür, bis ich über 16 war. Sexualität war tabu, lediglich ein notwendiges Übel, um die Nachkommenschaft zu sichern, im Rahmen einer Ehe mit einem von qualifizierten Personen ausgesuchtem Ehepartner (und das habe ich gründlich eingebleut bekommen). Treffen mit Gleichaltrigen, Sport, Kneipen, Fernsehen, Presse, Computer, Technik, (nicht-klassiche) Musik, Filme, Mode, Kosmetik waren eindeutig Teufelswerk und dienten nicht der Weiterentwicklung des inneren, geistigen Menschen.

Also praktisch eine christlich-esoterische Variante der Taliban! Denn wer sich nicht an all diese Regeln hielt, war moralisch unwürdig. Obendrein war er mit einer nicht gottgefälligen Lebensführung potentiell mitverantwortlich für das Leid von anderen!

Als meine Rebellion begann, kam ich unter enormen Druck, äusserlich, aber vor allem innerlich. Mittlerweile scheint das alles Lichtjahre zurückzuliegen, ich führe ein normales und glückliches Leben, was ich ohne die Hilfe von einigen ganz besonderen Mitmenschen niemals geschafft hätte, aber immer noch habe ich Albträume, vor allem in Krisensituationen Schuldgefühle, Suizidgedanken, Depressionen, Störungen im Sozialverhalten und schwere Minderwertigkeitskomplexe.

Cindy 

 

 

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