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lilians tagebuch

Gespräche über:
Avatar
'Die richtige Technik'
Die Zeit nach Scientology
Die Abgründe der Psyche
Scientology und Avatar
Verarbeitung
Das Alpha-Seminar
Moon 
OSHO/ Bhagwan

Dies ist das Tagebuch einer Scientology-Aussteigerin über ihre Zeit nach dem Ausstieg und die Fragen, die einem in dieser Phase beschäftigen. Zum Beispiel: Sind die Methoden der Bewusstseinskontrolle einer Sekte nich auch im normalen, täglichen Leben überall anzutreffen? Wie kann es sein, dass es in der Schweiz rund 400 verschiedene religiöse Bewegungen gibt und die Mitglieder jeder einzelnen - viele davon ganz normale Leute - felsenfest davon überzeugt sind, dass sie den einzig richtigen Weg haben. 400mal der einzig richtige Weg?

Und dann weiss zwar jeder, wie eine ideale religiöse Gemeinschaft aussehen sollte, nämlich: tolerant, offen für neue Ideen, demokratisch... aber wenn jeder weiss, wie sie sein sollte, warum existiert sie dann nicht? Warum ist es im Gegenteil so, dass Religionen, die sanft, offen, tolerant sind, wie zum Beispiel der tibetische Buddhismus, unter die Räder kommen? Ist unsere Gesellschaft so beschaffen, dass solche Gruppen gar nicht überleben können? Warum?

Warum gibt es immer wieder Leute, die aus einer Gruppe aussteigen, weil sie es besser machen wollen und dann kann man ein paar Jahre warten und sieht, dass die neue Gruppe wieder die selben Muster entwickelt hat, die sie eigentlich vermeiden wollte?

 

gespräch mit marianne, ehemalige avatar-masterin

September. Lilian's Tante Marianne kommt zum Übernachten. Lilian hat sie lange nicht mehr gesehen. Sie war auch mal in Scientology, aber das ist lange her. Danach machte sie Avatar. Avatar wurde von einem ehemaligen Scientologen in den USA gegründet und besteht aus zwei Kursen, die ziemlich teuer sind, aber man kann sie danach dafür jederzeit kostenlos wiederholen. Marianne liess sich als eine der ersten in der Schweiz zur Avatar-Masterin ausbilden. Lilian spricht sie darauf an.

"Nein, mit Avatar habe ich wieder aufgehört, Lou" antwortet Marianne.

"Weshalb?"

"Weil es keine dauerhaften Resultate bringt. Es befreit jemanden von allem, was ihn belastet und der schwebt und hebt ab. Nach ein bis zwei Jahren landet er wieder auf dem Boden - manchmal sehr unsanft - und muss dann sehen, wie er zurechtkommt."

Lilian: "Das kenne ich von den sogenannten "L-Rundowns" in Scientology (das sind Therapieprogramme, die jemanden innert Kürze in den Himmel katapultieren und dann überschätzt derjenige sich oft selbst.)."

Marianne: "Ich weiss es nicht, diese L-Rundowns hatte ich nie gemacht. Jedenfalls war ich zum Beispiel einmal an einem Kurs und da haben nach dem Kurs gleich drei Teilnehmer geheiratet. Zwei haben wirklich überhaupt nicht zusammengepasst und heute haben sie grosse Probleme miteinander."

Lilian:"Der Gründer von Avatar, ist ein ehemaliger Scientologe. Ist der Inhalt der Kurse auch Scientology?"

Marianne: "Er sagt nein. Harry Palmer, der Gründer von Avatar, war nach Scientology in einem dieser Tanks, in denen Du für eine gewisse Zeit völlig von der Umwelt abgeschnitten bist. Er sagt, er hat Avatar dort entwickelt. Aber vieles kommt natürlich von Scientology oder hat Ähnlichkeiten. Als wir den Avatar-Masterkurs hatten, war eine Kursleiterin in seinem Auftrag praktisch die ganze Woche damit beschäftigt, das Avatar-Material mit den Scientology-Schriften zu vergleichen. Alles, was auf Scientology hindeutete musste sie herausnehmen oder umschreiben. Du kannst Dir einmal ein paar Dinge anschauen, wenn Du willst, ich hab noch diverse Unterlagen, die nicht vertraulich sind. Die Kurse, die sind vertraulich und man muss sich verpflichten, das Material nicht weiterzugeben."

Lilian: "Eine Kollegin von mir hat die Kurse auch gemacht. Sie war sehr begeistert davon und ich hatte den Eindruck, sie habe auch davon profitiert."

Marianne: "Es hat natürlich auch seine positiven Seiten und ich kenne auch viele, denen es sehr gut getan hat. Es kommt eben sehr auf die Person an. Avatar ist eher für Leute, denen es soweit gut geht und die stabil sind. Für solche, die sich in persönlichen Krisen befinden, kann es gefährlich sein. Und dann war da eben auch noch die Art, wie es geleitet und verbreitet wurde, die mir der von Scientology zu ähnlich war: Die hohen Ziele, die Anwerbung auf Provisionsbasis, der künstliche Enthusiasmus."

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...mit ihrem bruder über «die richtige technik»

Wochenende. Adrian, Barbara, Nadja, Paps und Lilian treffen sich am frühen Samstag Morgen für ein gemeinsames Wochenende. Es war Paps Wunsch, einmal im Jahr mit all seinen Kindern ein Wochenende zu verbringen.

Für das erste Mal planen sie eine zweitägige Bergtour aufs Wildhorn in den Berner Alpen. Es soll eine schöne Tour sein. Sie führt über einen grossen Gletscher auf über dreitausend Meter Höhe.

Am zweiten Tag macht ihnen das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Barbara und Nadja erweisen sich als nicht so routiniert im Wandern wie angenommen. Auch Paps spürt seine mangelnde Kondition. Nach der Übernachtung in der Hütte und einem kurzen Aufstieg auf die Gletschermoräne mitten im Nebel, steigen Adrian und Lilian alleine auf einen anderen Gipfel. Kein Mensch weit und breit. Nur Wolken und das Echo.

Auf dem Weg diskutieren sie. Adrian schliesst gerade sein Wirtschaftsstudium ab und erzählt von seinem Praktikum bei einer Informatikfirma. Auch über Scientology sprechen sie. Nadja hat Adrian gestern Abend daran erinnert, wie begeistert er eine Zeit lang von Scientology gewesen war, als er fünfzehn war. Er habe ihr in Briefen davon geschrieben und erzählt, dass er in seinem letzten Leben ein Dealer gewesen sei, etc. Auch Nadja hatte einmal von Paps einige Auditing-Sitzungen (Scientologische Therapie) bekommen. Es habe ihr gut getan und gewirkt gegen ihr Kopfweh.

Adrian findet "die ganzen Therapeuten sind doch im Grunde unnötig. Es herrscht viel zu stark die Idee vor, man könne alles erklären und therapieren. In der Ökonomie ist es dasselbe. Aber IN DER Ökonomie befindet es sich im Wandel: Es herrschen jetzt die Thesen vor, die unter dem Begriff FRAME bekannt sind: Nicht eine Theorie ist die beste und hat unbeschränkt Gültigkeit, sondern verschiedene Faktoren und Prozesse greifen ineinander und es wird Wert darauf gelegt, die Studenten in verschiedenen Theorien auszubilden, damit sie an Ort und Stelle selbst entscheiden und abstimmen können.

Zum Beispiel kann man eine schlankere Verwaltung einführen, man muss aber auch beachten, welches die Konsequenzen und Auswirkungen sind, die das dann auf den Bereich oder die Firma hat, abgesehen von den unmittelbaren Effekten, zum Beispiel auf das Verhalten der Leute, auf die Symbolik, und so weiter, und diese Dinge mit einbeziehen.

Man ist davon weggekommen, dass es eine Technik gibt und wenn man die genau anwendet, dann funktioniert's, man ist von der Idee abgekommen, alles sei erklärbar, genau vorhersagbar.

So sehe ich es auch mit dem Menschen. Eine Seele, so wie sie geistig funktioniert, sehe ich als eine Art Ökosystem, das wir nur teilweise verstehen. Wenn man anfängt, mit dem geringen Wissen, das wir haben, daran herumzubasteln, könnte es kollabieren. Das ist ein sich selbst regulierendes System, in das man nicht eingreifen sollte."

Sie sind oben auf dem Gipfel angekommen und geniessen den Anblick des eisblauen Gletschers auf der anderen Talseite. Gesteinsbrocken. Mächtige Wolken ziehen unter und über ihnen vorbei. Hier oben ist die Macht der Natur spür- und fühlbar, wie sie einem umgibt und durchdringt.

"Was ich hier doch wichtig finde, sind Informationen," findet Lilian, "das Wissen über geistige Funktionen und Abläufe, um sie deuten zu können, nicht im Sinne von: "Mit unserer Technologie können wir alles handhaben.""

Wieder kommt ihr der Verdacht, dass Psychotherapie, auch Auditing eigentlich nur ein billiger Ersatz ist für das, was an natürlichen, sozialen Möglichkeiten fehlt. Wenn ich an die Schilderungen von Ritualen in Urvölkern denke, dort wurde mehr gesprochen, heisst es. Man erzählte sich alles, ohne Tabus. Offen und direkt. Und was das Wissen angeht, das war die Funktion der 'Ältesten', der Grosseltern, eines Lehrers, eines Schamanen, das Wissen weiterzugeben, die Erfahrungen weiterzugeben.

Das fehlt in unserer Gesellschaft. Man spricht nicht offen über Dinge. Man gibt sich zwar den Anstrich der Offenheit. Die abgeklärten Stadtzürcher sprechen offen(?) über Sexualität, über Masturbation, über Dildoís, aber bei den einfachsten Dingen in einer Partnerschaft machen sie schlichtweg schlapp.

Wo alte Tabus verschwinden, entstehen neue, wenn sich der Mensch an sich nicht geändert hat.

Auch fehlen die "Lehrer". Die ältere Generation ist nicht mehr auf dem laufenden, sie hat mit der schnellen Entwicklung nicht mitgehalten. Die früheren Generationen haben vielleicht auch zu viele Tabus und Probleme angehäuft, aus denen nun die junge Generation ausbricht.

Die Zahl der Leute, die in einer Psychotherapie festhängen, fanatisch einer Heilslehre hinterherlaufen oder ihre Bedürfnisse einfach mit Drogen, mit chemischen Highs überdecken, muss enorm hoch sein.

Auf dem Abstieg finden sie zwei kleine Seen. Adrian geht zuerst rein. Es ist eiskalt. Lilian schafft es nur bis zu den Waden. Wieder diese bizarre Landschaft mit den flechtenbewachsenen Gesteinsbrocken und dazwischen das Wasser, das in hellem türkis leuchtet.

Adrian kommt aus dem Wasser. Er schlottert. "Ist das kalt! Siehst du, jetzt ist alles auf die Hälfte geschrumpft". Klappernd zieht er sich wieder an.

Einigen schweizer Seen haben sie mit Pumpen künstlich Sauerstoff zugeführt, um ihr ökologisches Gleichgewicht wieder herzustellen. Wenn die Seele ein ökologisches System ist, dann ist die Psychotherapie die Pumpe, die der aus dem ökologischen Gleichgewicht geratenen Seele - dem See - künstlich Sauerstoff zuführt, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Aber warum ist der See - die Seele - aus dem Gleichgewicht geraten? Welcher Stoff hat ihn aus dem Gleichgewicht gebracht? Oder welcher Stoff fehlt, dass der Kreislauf unterbrochen wurde?

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gespräch mit britt über die zeit nach scientology

Britt ruft an. Sie kommen auch auf das Thema der Emotionalität zu sprechen.

"Seit Scientology ist es, als ob bei mir emotional etwas abgestorben wäre," erzählt Britt, "ich kann nicht mehr so unbeschwert lachen wie früher. Das, was Freunde an mir so geschätzt haben, meine Ausgelassenheit, das habe ich verloren - gut, ich bin auch älter geworden, vielleicht hat das auch seinen Einfluss."

Lilian: "Ich weiss, was du meinst: dass du ständig introvertiert bist zu einem gewissen Mass, ein Teil von dir ist immer damit beschäftigt, dich selbst zu beobachten. Die Spontaneität geht verloren.

Britt, denkst du, wir werden das je wieder los?"

Britt erzählt von ihrer Anfangszeit in Scientology, von einem Kollegen, der weisse Magie praktizierte und plötzlich habe die Lampe bei ihr Zuhause gewackelt - das sei keine Einbildung gewesen. Sie hat begonnen, mit den bösen Geistern zu sprechen, von denen sie sich umzingelt fühlte und sie weggeschickt.

"Hattest du das vor oder in Scientology?"

"Das war am Anfang, als ich rein kam, nachdem ich von Übersinnlichem und früheren Leben gelesen hatte, eigentlich als ich begann, an deren Existenz zu glauben."

Da stellt sich die Frage: Was geht hier vor? Woher kommt diese Introvertiertheit? Woher diese Phänomene, von denen ich nicht sicher bin, was ich davon halten soll?

Sind das tatsächliche Wahrnehmungen oder Einbildungen?

Sie denkt an Edi Boesch, der ihr erzählt hat, er hatte das Gefühl, er sei von Ausserirdischen beeinflusst worden während einer Auditing-Sitzung und Marc Pally, den Aussteiger in der Wüste, der dort angeblich UFO's beobachtet.

Tatsache ist, das hier sind Grenzerfahrungen, Gratwanderungen zwischen Wirklichkeit und Phantasie, zwischen Gegenwart und Vergangenheit -

mit grosser Absturzgefahr.

Ich frage mich, ob hier eine geistige Stabilität untergraben und kaputtgemacht wird, oder ob dies nur eine Scheinstabilität war - ein Schlafen - und man lediglich daraus erwacht ist, also eine positive Entwicklung. Britt war zu dem Zeitpunkt noch nicht so lange in Scientology, dass rein dadurch so viel zerstört werden konnte. Es scheint, als ob durch die Beschäftigung mit Scientology eine Barriere weggefallen wäre, die diese Dinge zurückgehalten hat und dann brechen sie wie eine Sturzflut hervor und begraben alles unter sich.

Die Frage ist, ist diese Barriere eine natürliche und notwendige, die man besser in Ruhe lässt, oder ist es eine künstlich angelegte, die nicht dahin gehört und den natürlichen Fluss der Dinge stört?

Die Absturzgefahr ist jedenfalls sehr gross.

Der Psychologe C.G. Jung zu Religion und Irrationalität

Scientology ist durchaus nicht ungefährlich. Das ist das Risiko jedes einzelnen, wie man auch beim Gleitschirmfliegen abstürzen und sterben kann - mein Onkel ist Gleitschirm- und Deltafluglehrer: was in dieser Branche an schlimmen Unfällen geschieht ist unheimlich und lange nicht alle erscheinen auf den offiziellen Statistiken des Verbandes - aber man darf niemanden drängen dazu oder überreden, da das Risiko freiwillig und aus eigenem Entschluss heraus übernommen werden muss. Das Problem bei Scientology ist, dass oft mit zuviel Druck gearbeitet wird und die Risiken der Person nicht bewusst sind, sie auch nicht darauf vorbereitet wird.

Britt findet noch, wenn man im Auditing Energien auflöse, abfliessen lasse, das könne vielleicht auch gefährlich sein.

Britt: "Du "schickst" hier etwas weg, entfernst Energie von den Zellen, aber welche Auswirkungen das auf den Körper hat, weiss keiner. Da sind auch diejenigen auf den höchsten scientologischen Stufen, von denen in letzter Zeit einige an Krebs gestorben sind." Keiner kenne hier die Zusammenhänge und es mache sich auch keiner die Mühe, solchen Phänomenen nachzugehen.

Lilian: "In Flag (dem Scientologen-Mekka) habe ich die auf den höchsten Stufen oft beobachtet und die sind mir, wenn sie ihre Erfolgsberichte erzählt haben, so künstlich erschienen, nicht wirklich glücklich."

Am Abend ruft Adi an, auch ehemaliger Scientologe. Das Gespräch mit Britt ist noch frisch. Lilian tastet ihn ab auf dieses Gefühl, sich selbst zu beobachten, das introvertiert sein, den Verlust der Spontaneität. Adi meint nur "Ja, ich weiss, was du meinst."

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gespräch mit max joos, sektenexperte, über die abgründe der psyche

Freitag 13.September. Max Joos kommt zum Nachtessen. Er recherchiert immer noch für einen Artikel über die hohe Verschuldung der Scientologen und braucht noch ein paar Unterlagen von Lilians Mann, Pascal.

Lilian macht eine Lasagne. Es ist das erste Mal, dass sie Gelegenheit hat, mit Max einmal in Ruhe zu diskutieren. Er ist immer im Stress und sie hat jeweils ein bisschen ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihn zu lange aufhält. Er gilt als der Spezialist in Sachen Scientology, da er sich seit über zwanzig Jahren damit auseinandersetzt, Vorträge hält und schon viel dazu publiziert hat.

Sie mag ihn gut, auch bei ihm hat sie dieses Gefühl, diese Vertrautheit, obwohl sich seine Meinung nicht immer mit der ihren deckt.

Das Auditing sieht er sehr negativ, als eine Art Hypnose, eine Psychomanipulation und er sieht eine Gefahr darin, dass Scientology in den Abgründen der Psyche herumwühlt und danach mit den Dingen, die sie aufgewühlt hat, nicht umzugehen weiss.

Lilian erzählt ihm von ihrem Gespräch mit Britt***.(Das Gespräch hab ich Dir unten angehängt) Sie sprechen über die Zeiten der persönlichen Krisen während der Zeit in Scientology und nach dem Ausstieg. Sie erzählt ihm von diesem Borderline-Gefühl, dem Gefühl, dass man eine Gratwanderung macht und jeden Moment kippen könnte - in die Irrationalität.

"Weisst du, es ist wirklich so, als ob du am Rand einer tiefen Schlucht entlang gehst: Wenn du auf die eine Seite schaust, siehst du das normale Leben und wenn du auf die andere schaust, siehst du diesen tiefen, dunklen Abgrund und du spürst, wie klein der Schritt ist, den es braucht, um dort hinunter zu fallen und du hast auch Angst, dass dich dieser Schlund plötzlich verschlingt, wenn du einmal gerade nicht aufpasst. Manchmal sind es kleine Dinge, eine beifällige Bemerkung von jemandem, die mich total aus dem seelischen Gleichgewicht werfen und ins Grübeln bringen."

Lilian erzählt die Story von dem deutschen Grafiker, den sie auf den höheren Scientology-Stufen getroffen hatte, der plötzlich nicht mehr schlafen konnte und wirklich kurz vor dem Durchdrehen gewesen war. "Alles fand nur in seinem Kopf statt, er schlief nicht mehr, ass nicht mehr, und wir hatten wirklich Angst, er würde uns bald wegsterben. Irgendein Gedanke hatte das ganze ausgelöst, irgendein winziger Gedanke und der löste etwas aus, das nicht mehr zu stoppen war. Eines Tages war der Spuk zum Glück plötzlich vorbei.

Es macht mir Angst, wenn mir bewusst wird, wie ein einziger Satz, irgend etwas Kleines, eine Bagatelle, ein völliges Abkippen verursachen kann. Es kommt mir vor wie einer, der einen schwarzen Punkt am Fester sieht und dann löst das eine Lawine aus: Er hat das Gefühl, das könnte eine Wanze sein, er werde vom FBI beobachtet, und so weiter."

"Lou, ich denke, das ist eben nicht diese kleine Sache, die das auslöst, sondern eine Menge Dinge vorher, die sich während langer Zeit angestaut haben. Ich glaube, das kommt von der Tatsache, dass ihr euch von euch selbst entfernt habt während eurer Zeit in Scientology.

Aber das wird sicher wieder besser. Wenn du das Gefühl hast, dass es für dich bedrohlich wird oder unkontrollierbar, wäre eine Gesprächstherapie als Mittel zum Abbauen sicher gut."

Danke, Max, jetzt willst du mich auch noch in die Therapie schicken!

"Nein, ich glaube, so schlimm ist es nicht."

"Mit dem Auditing stösst du jemanden auch hinein in diese Dinge. Es gibt natürliche Barrieren, um dich vor zu grossen Belastungen zu schützen. Beim Auditing wühlt man einfach herum, ohne diese Grenzen zu beachten und das kann sehr gefährlich sein, wenn man diese Grenzen einfach ignoriert, es kann dann soviel kommen, dass man nicht mehr die Kraft hat, es zu verarbeiten und dann bricht es einfach auf einem herein.

Jeder hat diese Dinge, aber man muss sich innerlich davon abgrenzen können. Du musst solche Dinge mit Distanz ansehen, du musst Abstand halten, darfst es nicht zu nah an dich herankommen lassen."

"Findest Du? Ich denke nicht, dass im Auditing diese natürliche Grenze überschritten wird. In jeder Sitzung wird peinlichst genau darauf geachtet, alles, was man berührt hat, auch zu bearbeiten, bis sich die Person gut darüber fühlt. Dieser Schutzmechanismus funktioniert auch im Auditing noch. Es gab zum Beispiel Dinge - Ursachen, nach denen ich in Dutzenden von Auditingstunden vergeblich gesucht hatte, aber nichts fand und nach Jahren ist dann die Antwort plötzlich aus meinem Innern aufgetaucht und ich habe mich gefragt, warum etwas so Offensichtliches mir nicht in den Sinn gekommen ist, als ich mich stundenlang mit dem Thema auseinandergesetzt hatte. Aber es war, als ob davor eine Wand war und die Sicht darauf verborgen war. Also ich denke, der Verstand schützt sich auch während des Auditings vor Überforderung."

Das Gespräch kommt auf Bernhard Keller, den Pressesprecher der Scientologen. Max findet, er habe sich auch sehr von sich selbst entfernt, besonders in den letzten Jahren sei ihm das aufgefallen, wie unnatürlich er geworden sei.

Lilian erinnert sich an zwei TV-Sendungen, an denen Bernhard auch dabei war. Beide Male traf sie Bernhard nach der Sendung und sprach einige Worte mit ihm. Beide Male zuckte er im ersten Moment zusammen, er blieb zwar stehen, aber es war, als ob er geistig drei Schritte zurück gemacht hätte... Angst, Unsicherheit, Verletzung, spürte sie in diesem Moment. Und dann hatte er sich gleich wieder gefasst und seine freundliche Maske klappte herunter wie das Visier einer Rüstung.

Max fragt nochmals nach: "hast du wirklich nicht das Gefühl, dass es dich zu sehr belastet?" "Nein, ich denke nicht, dass das was bringt."

Der Psychiater in einem TV-Interview sagte, Depressionen rühren von einem Nicht-ausleben-können von Gefühlen wie Angst, Wut, Trauer her. In Scientology sind solche Gefühle mit einem negativen Image belegt. Es sind Missemotionen, negative Emotionen, die vom reaktiven Mind (dem negativen Unbewussten) verursacht sind und wer sie hat outet sich als einer, der seinen reaktiven Mind nicht unter Kontrolle hat.

Es gibt viele, die abdriften, abkippen.

Da war zum Beispiel Daniel Keller, der, seit ich ihn kannte in irgendwelchen Zeitaltern schwelgte, wo Raumschiffe und galaktische Zivilisationen noch existierten und sich damit mehr identifizierte, als mit der Gegenwart. Im Herbst 1988 war er dann in Flag und wurde eines Morgens tot im Swimming Pool gefunden. Sie nehmen an, dass es Selbstmord war...

Oder Elisabeth Hasler, die Mutter der ehemaligen Personalchefin Eliane, die keine weiteren Kurse machen durfte, weil sie offenbar plötzlich nachts auf die Strasse gelaufen war und herum geschrieen hatte...

Gerd Kaufmann, der finanzielle Probleme hatte und dessen Frau ihm die Scheidung eröffnete, als er von Flag nach Hause kam. Am Wochenende machte er dann eine Wanderung mit seinem neunjährigen Sohn und stiess diesen von einem Felsen herunter. Eigentlich wollte er nachspringen, hatte aber den Mut nicht dazu.

Das sind die Extremfälle, aber es gibt viele, bei denen Ansätze dazu zu spüren sind, wenn ich es mir recht überlege: sehr viele - vielleicht auch bei mir.

Viele wurden in der Org (Scientology-Organisation) einfach irgendwie ruhig und entwickelten langsam seltsame Formen von Verfolgungswahn, mit denen Scientology nicht umgehen konnte. Zum Beispiel die Mitarbeiterin Angelika Blum. Sie war kreativ und hatte gute Ideen, hatte ihre eigenen Ansichten und vertrat die auch. Das gab natürlich Probleme. Sie bekam ein paar Mal kräftig eins aufs Dach und liess sich einschüchtern. Man konnte zusehen, wie sie das Vertrauen in sich selbst langsam verlor und sich zurückzog und mit diesem Zurückziehen kamen auch merkwürdige Verhaltensweisen, Verunsicherungen, die einem ahnen liessen, was in ihrem Innern vorging. Eben das, was wir in Scientology als "unterdrückte Person" bezeichnet hatten.

Oder ein anderer Mitarbeiter, Dominique, mit dem ich nie etwas anzufangen wusste. Seine Probleme in der Gegenwart, seine Überforderung oder Überwältigung in der Gegenwart war offensichtlich. Problemen ging er aus dem Weg, er konnte sie nicht angehen. Er wurde in die Ethikabteilung geschickt zum aufschreiben seiner negativen Taten (Overts). Er schien aber die Gegenwart völlig zu verdrängen. Was er als seine Overts aufschrieb waren Dinge wie Selbstbefriedigung oder irgendwelche schlimmen Vergehen "vor ... Millionen Jahren". Und danach sah er so schlimm aus, als hätte er eine zentnerschwere Last zu tragen. Ich hatte den Eindruck, er sehe das Offensichtliche nicht und flüchte weit, weit weg. Er hatte sich vom eigentlichen Problem schon lange entfernt. Dieses Flüchten führt dann irgendwie zum Zustand des geistigen Kippens, einem 'sich abtrennen' von der Gegenwart und damit von der Realität, ins Irrationale.

Da ist Peer Schütz, der ausgestiegene Auditor (Scientology-Therapeut) in Kopenhagen, der sagt, in Scientology kämen die Emotionen zu kurz.

In Scientology ist es diese Idee: du bist für alles, was dir zustösst selbst verantwortlich, du hast es dir selbst verursacht mit deinen negativen Taten in der Vergangenheit. Aus dieser Idee heraus folgt dann die Aktion, Ärger, Protest, Negativ-Gefühle zu unterdrücken - ja nicht einmal zu denken!

"Von mir aus gesehen ist daran nicht das Auditing schuld, Max. Das ist die Art, wie sich die Organisation gegenüber den Mitgliedern verhält. Du könntest das Auditing weglassen und es würde genauso laufen. Ich habe Mitarbeiter gesehen, die keines oder nur sehr wenig Auditing erhalten hatten und die trotzdem in dieser Psychosuppe landeten. Das ist nicht eine Manipulation, die in der Therapie stattfindet."

Max ist anderer Ansicht.

Da ist auch dieses Phänomen des sich selbst Beobachtens: das Gefühl, zwischen sich und der Welt stehe eine Panzerglasscheibe, man nehme die Umwelt wahr, als sehe man sich einen Film an, empfindet sich selbst aber nicht als Teil davon.

"Weisst du, Max, es ist etwa so: Wenn du dir einen guten Film ansiehst, dann identifizierst du dich mit einer Person und gehst so mit, mit der Handlung, dass dir erst am Ende wieder bewusst wird, dass das ja nur ein Film war.

Nach Scientology, als eigentlich alle meine sozialen Kontakte abgebrochen waren, hatte ich dieses Gefühl sehr stark. All deine Bezüge zum Film sind unterbrochen und du hast plötzlich das Gefühl, du sitzt in einem ganz anderen Raum und das, was da abläuft – die Realität - ist alles nur ein guter, interaktiver Film, den du dir ansiehst. - und vielleicht reizt es dich auch, den Film abzuschalten, um herauszufinden, wo du denn eigentlich sitzt, von wo aus du dir diesen Film ansiehst.

Das ist eine Erfahrung, die ich nicht ungeschehen machen kann. Irgendeine Therapie hin oder her. Auch wenn ich mich jetzt wieder als Teil davon fühle, es bleibt diese Erfahrung des ‘Ich sitze in einem dunklen Raum und das ist alles nur Virtual Reality, in die ich mich begebe’.

Verstehst du, wenn man sich im Kino einmal umgedreht hat und einem eingefallen ist, dass das ja nur ein Film ist und man im Kino sitzt, dann kann man sich nachher nicht mehr vormachen, der Film sei Wirklichkeit."

Max sieht das auch als eine Folge der Abspaltung von sich selbst.

Lilian: "Wenn dann kein naher Kontakt da ist zu anderen Menschen, keine sozialen Wurzeln, löst man sich heraus aus der Realität, sie verblasst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass intensive Beziehungen, nahe Beziehungen mir dieses Gefühl für die Realität, dieses Geborgen-sein, wieder zurückgeben.

Extremes Erleben kann kurzfristig auch das Spüren der Realität erhöhen – der "Kick", den Extremsportarten vermitteln? Weshalb suchen heute so viele Leute das Extreme, gehen an die Grenzen? Um die Realität, diese Verbundenheit zu spüren, die sie in der Oberflächlichkeit der heutigen Beziehungen nicht mehr spüren können? Und was ist mit denen, die sich ständig künstlich beschäftigt halten, ständig "im Stress" sind und sich ihren Stress doch selbst zu schaffen scheinen?

Um zwei Uhr geht Max.

Lilian liegt im Bett. Ein Satz von Max ist hängen geblieben:

"Jeder hat diese Dinge, aber man muss sich innerlich davon abgrenzen können. Du musst solche Dinge mit Distanz ansehen, du musst Abstand halten, darfst es nicht zu nah an dich herankommen lassen."

Ist das die richtige Art damit umzugehen?

Distanz halten... sich abgrenzen... Abstand...

Läuft das nicht alles auch auf Verdrängung hinaus?

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gespräch mit pierre über scientology und avatar

Montag, 16.September. Am Abend fährt Lilian nach Biel. Sie ist mit Pierre Enkelmann verabredet. Adi braucht zwei E-Meter für deutsche Sektenexperten und Pierre will Lilian seine zwei verkaufen. Zweihundert Franken je kriegt er noch dafür, aber besser als gar nichts.

Lilian hat Pierre seit Jahren nicht mehr gesehen und auch vorher hat sie ihn nicht allzu gut gekannt. Pascal, ihr Mann, kennt ihn besser. Er war auch in Scientology. Pascal holte ihn und seine Freundin rein. Pierre hatte nur das Dianetik-Buch gelesen und die Freundin war noch nicht einmal fertig damit. Pascal, damals Mitarbeiter und Verkäufer bei Scientology, hatte die zwei im sogenannten Ruingespräch. Danach hatten sie zusammen sechzigtausend Franken einbezahlt für ihre Brücke (die scientologische Stufenleiter zur "Totalen Freiheit"), teilweise auf Kredit.

Pierre hatte danach viel gemacht in Scientology. Er war oft in Flag (das scientologische Mekka in Florida), hat die sogenannten L-Rundowns gemacht. Das sind relativ kurze Auditingprogramme, die von den best ausgebildetsten Auditoren (scientologische Therapeuten) gemacht werden und danach hebe man ab wie ein Vogel, hiess es.

Nach einigem Suchen findet Lilian die richtige Strasse. Pierre zeigt ihr den Keller, wo er all sein Material gestapelt hat. Er hat alles auf einem Zettel notiert: 32'000.- hat er für die E-Meter und all die Bücher und Kassetten ausgegeben. Sie verstauen alles in Lilians Auto.

Pierre ist erst nach Hause gekommen. Er hat einen guten Job bei einer Informatikfirma. Gerade hat er sich Pommes-Frittes gemacht und bietet Lilian welche an. Lilian hat keinen Hunger mehr, sie mag nur etwas trinken. Sie fragt, wie es mit seinen Schulden aussieht. Er hatte grosse Schulden, aber er hat für eine Scientologin das Haus verkauft, die als Mitarbeiterin nach Flag ging, mit der Provision konnte er die Schulden begleichen.

Nach Scientology habe er Avatar gemacht. "Avatar war sehr gut." "Wie lief das, was machst du auf dem Avatar-Kurs? Ist es den Dingen ähnlich, die du in Flag gemacht hast?" "Nein, das ist etwas ganz anderes. Bei Avatar nimmst Du ein Problem oder etwas Negatives, das kommt, und lässt es dich total ausfüllen, lässt die Emotion dich durchdringen, bis es dich ausfüllt und umgibt und überall ist. Dann gibst du ihm - dieser Sache - einen Namen, du benennst es.

Du packst es zusammen, du machst sozusagen ein "Päckli" daraus, aus diesem Problem, dieser Sache, und benennst es, schreibst es an mit dem, was es für dich ist - Problem soundso oder was auch immer. Dann schickst du das Paket weg, aus deinem Blickfeld, ins All oder wohin auch immer.

In Scientology auf den höheren Stufen schickt man auch Dinge weg. In der Zeit, als ich so viel gearbeitet hatte und als ich mein Blumengeschäft hatte, hatte ich auch alles, was mir im Weg stand, alle Gedanken, die mich störten, einfach raus gekickt aus meinem Blickfeld. Ich stellte mir vor, da wäre eine Tür und ich öffnete sie in Gedanken und schoss alles hinaus, was ich nicht. Die Methode ist nicht schlecht, man wird sehr effektiv. Man kann seine ganze Kraft auf das konzentrieren, was man erreichen will und ich hab in dieser Zeit Dinge gemacht; heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich das alles unter einen Hut brachte. Ich war immer gut gelaunt, nichts konnte mich umhauen. Aber irgendwie war das so oberflächlich, so künstlich.

Lilian: "Siehst du keine Probleme dabei, wenn du diese Dinge einfach so wegpackst? Hat das "Negative", das da auf einen zukommt nicht einen Sinn? Ist es nicht dazu da, dass man daraus etwas lernt - es will einem etwas sagen? Wenn man es einfach raus schmeisst, geht's einem zwar im Moment besser, aber das staut sich doch alles irgendwo an und irgendwann knallt's. Und wie kann ein geistiger Fortschritt stattfinden, wenn man das, woraus man lernen sollte, ständig wegschiebt? Ein 'Wachsen' ist nicht mehr möglich unter diesen Umständen und Fehler werden weiterhin gemacht, da die Korrekturen ausbleiben."

Pierre findet für jemanden, der viel Scientology gemacht hat, sei das ein guter Kurs, da Scientologen gelernt haben, dass Probleme konfrontiert und in Ordnung gebracht werden müssen, sie viel über Ethik gelernt haben. Bei Leuten, die ganz neu zu Avatar kommen, werde es vielleicht schon problematischer.

Lilian erzählt von ihrem Schwager: "Mein Schwager arbeitet als Fotograf für einen grossen Modeversand. Er hängt dort auch mit einer Beteiligung mit drin. Das Paar, dem der Versand gehört, macht auch Avatar.

Der Versand ist nahe am Ruin. Es heisst, die zwei hätten zuviel Geld investiert in ein neues Gebäude, seien viel zu optimistisch gewesen und hätten das Geld mit vollen Händen ausgegeben. Wie auch immer, jedenfalls stehen die Gläubiger Schlange, die Managerin arbeitet Tag und Nacht und versucht zu retten, was zu retten ist.

Gleichzeitig hauen die zwei Inhaber, Urs und Viviane , einfach nach Hawaii ab und kümmern sich nicht um die Probleme der Firma und die Forderungen der Gläubiger. Sie haben sich auf Oahu ein schönes Häuschen gekauft und wandern aus. Viviane will dort eine Avatar-Zweigstelle aufmachen und Kurse geben. Viviane sagt, durch Avatar haben sich ihre Träume erfüllt: "Ich nehme meinen Kopf weniger ernst, dafür die Gefühle wieder wahr. Ich habe jahrelang vom Leben auf der Insel geträumt und jetzt packe ich die Koffern und wandere aus nach Hawaii." Sagte sie einem Journalisten."

Pierre: "Ja, es gibt solche, die nicht mehr loslassen können. Avatar ist ein Kurs, den machst du und dann ist es erledigt. Aber es gibt diese, die hängen bleiben und dann wird es schon kritisch, ich habe diese Leute auch erlebt."

Lilian: "Wenn Leute in Scientology diese L-Rundowns machten, hatte man auch diesen Eindruck, dass sie irgendwie abhoben und manchmal den Bodenkontakt zu verlieren schienen. Ist es etwas ähnliches?"

Pierre: "Nein, eigentlich nicht. Ich habe in Flag zwei von den drei L-Rundowns gemacht. Das waren andere Techniken, die vor allem mit Dingen aus früheren Leben zu tun hatten." Pierre findet vor allem einen anderen Punkt wichtig: "Im Laufe dieser L-Rundowns findest du dich als alles mögliche wieder in früheren Leben, zum Beispiel als Kapitän einer Raumflotte und so weiter, und das vermittelt dir ein Gefühl der Grösse und Stärke, es verleitet zum Grössenwahn."

Ja, ich kenne die Leute, die mit diesem wissenden, erhabenen Blick herumlaufen. Max Joos sagte: "Du machst dir keine Vorstellung davon, wie viele Jesus und Kleopatras herumlaufen. Hunderte, Lou."

Pierre erzählt, er habe etwas, was für ihn im Moment gut funktioniert, wenn Dinge 'kleben', wenn ihn etwas stört, seine Aufmerksamkeit nicht mehr loslässt und er nicht so recht weiss, was los ist: "Ich hab mir mal ein bisschen die Indianerrituale angesehen, sie beobachtet und wenn ich so was habe, heule ich wie ein Indianer in mein kleines Diktiergerät," Pierre lacht, nimmt das kleine Gerät heraus und macht es Lilian vor. "Wenn ich mir das dann danach wieder anhöre, muss ich so lachen, das löst dann alles irgendwie auf."

Auch Lilian muss bei der Vorstellung lachen.

Pierre: "Vielleicht sollte ich auch mal Therapien machen. Ich würde die Leute ein Loch in die Erde buddeln und sie dann alles sich-von-der-Seele rein schreien lassen."

Lilian: "Es gibt heute so viele solcher Therapien wie Urschreitherapie, Bioenergetik, das Zeug da, wo sie so hyperventillieren, etc. und die modernen Managementseminare, wo sie ähnliches machen." Lilian nimmt einen Schluck Mineral und denkt nach. "Was tun wir denn, dass wir ständig so viel loswerden müssen? Weshalb staut sich das alles so extrem an. Eine Nachbarin, sie ist Schweizerin, aber in Kolumbien aufgewachsen, sagte mir heute, sie hätte noch kein Volk gesehen, das so aggressiv veranlagt sei wie die Schweizer."

"Willst du auch noch ein Mineral, Lou?" "Ja, gerne."

Als ich mit Jean diskutierte, einem langjährigen ehemaligen Scientologen, fragten wir uns auch, ob all die Therapien, das Auditing, nur gebraucht werden, weil wir so auf zwei Ebenen, so oberflächlich leben, dass sich das, was unterschwellig läuft, ständig anstaut. Ist Therapie ein billiger Ersatz für eine verkümmerte Funktion, die unser Gefühl eigentlich hätte - Dinge herauszuarbeiten, uns an die Dinge heran zu führen, die zu verarbeiten sind, die uns weiter führen?

Pierre kommt mit zwei Gläsern Mineralwasser zurück.

Lilian: "Da ist der Mythos, dass sich mit Auditing früher oder später alles auflösen, handhaben lässt. Die Idee, die dir in Scientology vermittelt wird: Du hast ein Problem, gehst in eine Therapie-Sitzung, kommst raus und das Problem ist gehandhabt.

Ich musste nach meinem Austritt feststellen, dass vieles einfach nur verdrängt war und jetzt wieder auftauchte.

Weshalb hast du Scientology gemacht, welches Problem wolltest du lösen - oder wie man es in Scientology ausdrücken würde: Was war dein Ruin?"

Pierre: "Die Frauen. Die Frauen waren mein Ruin und das habe ich in Scientology nicht handhaben können, erst jetzt bin ich langsam dabei, dieses Problem in den Griff zu bekommen."

Stimmt, Pascal hat mir erzählt, wie die Frauen immer alle auf Pierre standen. Eigentlich sieht er ganz harmlos aus.

Pierre: "Ich denke, das braucht jetzt einfach seine Zeit. Ich musste einfach genug 'durchlassen', um das Gefühl zu bekommen, dass das gar nichts bringt und ich genug hatte. Seit zwei Jahren habe ich wieder eine feste Freundin, das ist wirklich eine ernsthafte Sache, und wie es so geht, ist es eine Frau aus Basel, wo ich herkomme. Ich kenne sie schon, seit ich ein Kind war. Ich sehe sie nur übers Wochenende und bin froh, dass es so ist, weil ich den Abstand brauche.

Was mich überzeugt hat, war mein erstes Auditing in Scientology in dem ich eine versuchte Abtreibung vor meiner eigenen Geburt gelaufen war. Beim nächsten Besuch bei meiner Mutter hatte ich lange gebohrt, bis sie mir schliesslich erzählte, dass alles tatsächlich so gewesen war, wie ich es in der Sitzung gesehen hatte."

Lilian: "Es war tatsächlich genau so, wie du es in der Sitzung gesehen hast?"

"Ja."

"Irgendwie verrückt nicht?"

Pierre: "Ja. Das überzeugte mich von der Sache."

Lilian: "Warum sagst du, du bist froh, dass du deine Freundin nur übers Wochenende siehst? Warum brauchst du diesen Abstand?"

Pierre denkt einen Moment nach. "Aus Angst vor Nähe."

Lilian: "Wie meinst du das, Angst vor Nähe? Angst vor Verletzung? Angst, dich so ganz einzulassen auf jemanden, dass es zu sehr schmerzen würde, wenn die andere Seite dich verletzt, der Verlust zu schlimm wäre, wenn sie plötzlich weg wäre?"

Pierre: "Ja, das meinte ich damit."

Lilian: "Angst aus alten Verletzungen?"

Pierre: "Ja."

Das Telefon klingelt. Seine Freundin. Er erzählt ihr, wer da ist und dass wir noch am quatschen sind - es ist elf Uhr.

"Ja, worüber quatschen wir denn eigentlich?" fragt er mit dem Hörer in der Hand.

Lilian: "Na ja...jedenfalls sind wir vom Thema abgekommen."

Pierre setzt sich wieder hin.

Lilian: "Ist es nicht paradox: Eigentlich lernst du im Auditing deine Gefühle und Emotionen so auszudrücken, wie sie kommen, sie ungefiltert zu verbalisieren, nicht zu verdrängen und doch hast du und hab ich erst nach Scientology gelernt, auf das Gefühl zu hören. Geht das Gefühl in Scientology verloren?"

Pierre: "Ich denke, das hat damit zu tun, das alles gewertet, zugeordnet, erklärt wird. Nichts wird einfach so stehen gelassen."

Lilian: "Es ist eben auch so, dass Scientology in vielen Bereichen vorgibt, was richtig und falsch ist, gerade auch was Sexualität und Beziehungen angeht. So wird das Gefühl unterdrückt. Was mich angeht, ich habe angefangen, zu versuchen, auf mein Gefühl zu hören, mich leiten zu lassen, Emotionen nicht einfach zu verdrängen, sondern danach zu reagieren und zu handeln. Das bedeutet aber auch, Dinge aufzugreifen und über Dinge zu sprechen, die nur unterschwellig, mental ablaufen und das finde ich, ist gar nicht so einfach."

"Ich hatte das früher mit meinen Kunden so," meint Pierre. "Jetzt habe ich es mir mit den Kunden so eingerichtet, dass ich ihnen auch mal sage, dass ich ihnen mit diesem speziellen Problem nicht weiterhelfen kann und sie sich an jemand anderen wenden sollen. Und ich sag auch mal, was ich denke. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass ich den Kunden um jeden Preis behalten muss. Dann gibt's vielleicht ein Geschäft weniger, aber ich fühle mich besser so und es ist ehrlicher."

So versucht er ehrlicher zu sein und bei ihm staut sich weniger an. Was sind wohl die Auswirkungen dieses immer-nett-sein-müssens, das in vielen Berufen oberstes Gebot ist? Da staut sich viel an.

Lilian muss gehen. Es ist bald zwölf und Pierre scheint auch langsam etwas müde. Auf dem Heimweg denkt sie über ihre eigene Ehrlichkeit nach. Kann ich das denn, ehrlich sein? Nein, ich kann es auch nicht, auch weil ich andere nicht verletzen möchte. Mehr Offenheit. 

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gespräch mit ihrem mann über albträume

Samstag Morgen. 9. November. Pascal wacht auf: "Weisst du, was ich geträumt habe? Ich sei in der Mission dafür verantwortlich gewesen, neue Leute in die Mission zu bringen und ich hätte keine Leute rein bekommen, wegen des schlechten Images von Scientology. Dann sei ich auch noch dafür verantwortlich gemacht worden, dass ich keine Leute rein brachte und meine Statistik schlecht war. Mit meinem Chef Ralf hätte ich ganz schön Puff gehabt. Das war schon ein verdammter Unterdrücker! Und seine Frau, Claudia, die Leiterin hat daneben allen erzählt vom Team, dass wir zusammenhalten müssen, wir ein Team sind. Ha, ein Team! Wenn ich die Gesichter der Staffs (Mitarbeiter) ansehe, wie ihre Seelen aussehen, dann wird mir schlecht." Pascal steht auf, schüttelt den Kopf, als wollte er diese Erinnerungen loswerden und geht raus.

Vor einem Jahr etwa hatte Pascal einen anderen Traum. Er träumte, sie hätten ihn überredet, nochmals einen Fünf-Jahres-Vertrag zu unterschreiben. Sie hätten ihm erzählt, wie jetzt alles anders sei und er hätte an das Gute im Menschen geglaubt, aber irgendwo doch geahnt, dass es nicht so war. Dann, als er in seinem Traum den ersten Arbeitstag angetreten hatte, bemerkte er sofort, dass es nicht so war, dass alles noch beim alten war.

Lilian denkt an ihre eigenen alten Verletzungen. Auch sie hatte einmal einen ähnlichen Traum. Pascal kommt zurück aus dem Badezimmer: "Es ist schon verrückt, Lou, jetzt sind wir beide seit acht Jahren draussen und ich träum' noch davon!"

Lilian: "Eins ist sicher: Der Spruch "Die Zeit heilt Wunden" ist eine grobe Lüge. Die Zeit verwässert höchstens die Ursachen der Wunden und macht sie dadurch etwas verwischter oder diffuser."

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gespräch mit karin über das alpha-seminar

Samstag. 1.März. Lilian hat sich auf den Abend mit Rita verabredet, einer ehemaligen Anhängerin der Moon-Sekte, die wie Lilian schon einige Jahre Aufklärungsarbeit in Schulen macht. Unterwegs will Lilian noch bei Karin vorbei, einer Kollegin, der sie schon länger eines ihrer Kindervelos versprochen hat. Das Dorf, in dem Karin wohnt, liegt gerade am Weg und da möchte sie das endlich erledigen.

Karin regt sich auf. Vor ein paar Tagen ist ihrer Familie von der Stadt der Mietvertrag für das Haus gekündigt worden. Diese muss das Haus aus finanziellen Gründen verkaufen. In drei Jahren wollen sie sowieso nach Lausanne ziehen und jetzt müssen sie für die kurze Zeit noch eine Lösung finden und umziehen. "Darum geht bei uns im Moment alles ein wenig drunter und drüber". Karin bietet Lilian einen Eistee an und sie setzen sich einen Moment hin.

"Und wie war dein Abend gestern in dem Seminar?" fragt Lilian. Als Lilian sich gestern angemeldet hat, war Karin gerade auf dem Sprung. Sie wollte ein Seminar besuchen, in dem man Glaubensfragen diskutiert oder so was. Alpha-Seminar nennt sich das und scheint von einem eher freikirchlich angehauchten Flügel der reformierten Kirche organisiert zu sein . Karin ist ja eigentlich gar nicht religiös, aber es hat sie gereizt, das Seminar zu besuchen, weil es, wie man ihr sagte, aus kurzen Vorträgen besteht und man danach diskutieren könne über das Thema und alle seine kritischen Fragen stellen könne. Das Alpha-Seminar geht etwa acht Abende und ein Wochenende.

Karin: "Ich hatte ja einmal gefehlt, als ich krank war und dann hatten sie das gemeinsame Wochenende, an dem ich nicht teilgenommen hatte, weil es mir einfach zu eng gewesen wäre, so ein Wochenende lang nur...Eben: ehrlich gesagt, ich bin mit etwas gemischten Gefühlen hingegangen, weil ich jetzt natürlich viel verpasst hatte. Zuerst hatten wir wieder ein gemeinsames Nachtessen, an dem wir schon in der Gruppe zusammensassen, in der wir nachher diskutieren würden. Von den zwölf Leuten in einer Gruppe waren zwei bis drei Leiter und daneben noch andere, die schon bei denen dabei sind. Ich wurde herzlich begrüsst von allen. Sie freuten sich, dass ich wieder gekommen bin und alle waren sehr herzlich. Dann hab ich mich sofort wieder wohl gefühlt. Weisst du, als meine Nachbarin an meinem Geburtstag hierher kam - die, die an dem Kurs war - richtete sie mir ganz liebe Grüsse aus von zweien aus unserer Gruppe, sagte, dass sie mir gratulieren und sich freuen, bis ich wieder komme. Dann hab ich gestern vor dem Essen mit einem älteren Paar gesprochen, die einen, die mir auch Grüsse ausgerichtet hatten. Ich erzählte ihnen davon, dass uns die Wohnung gekündigt worden ist und wir nun innerhalb von drei Monaten eine neue Bleibe finden müssen, etc. Sie erzählten mir, sie hätten früher einmal die Kündigung gekriegt und sich nach einer neuen Wohnung umgesehen, aber nichts gefunden, das ihnen wirklich gefallen hätte. Sie, die Frau habe einen Traum gehabt. Sie hat dann Bibelstellen zitiert, die weiss ich nicht mehr im Detail, aber so dem Sinn nach hiess es, dass man auf Gott vertrauen solle und sich führen lassen solle von ihm. Und so hätten sie beschlossen, nicht das nächstbeste zu nehmen, sondern darauf vertraut, dass Gott ihnen die richtige Wohnung 'zuführen' werde. Am Montag wäre die Frist für den Auszug abgelaufen gewesen und es sei bereits Samstag gewesen, erzählten sie. Der Vermieter hatte gedroht, polizeilich räumen zu lassen. Alles war in Schachteln verpackt, aber sie wussten immer noch nicht wohin. Da hatte die Frau nochmals einen Traum ,dass sie vertrauen sollten in Gott so warteten sie ab. Dann am Sonntag, einen Tag vor der Räumung, gab es vor dem Haus einen Autounfall und sie gingen, um zu helfen und luden die Insassen des einen Wagens danach noch für einen Tee zu sich in die Wohnung ein. Einer, fragte, was denn all die Schachteln zu bedeuten hätten und sie erzählten ihren Gästen die Geschichte. Da sagte der Mann , dass er im Nachbardorf eine Wohnung habe, die leer stehe und sie konnten dort einziehen. Dann sagte die Frau noch: das einzige, was nicht ganz richtig gewesen sei, wäre, dass sie danach gedacht hätten, diesem Vermieter geschehe es ganz recht usw. Diese Gedanken seien nicht in Ordnung gewesen."

Am Seminar gestern hätten die Anwesenden dann noch von ihrem gemeinsamen Wochenende erzählt und einige hätten von "Zeichen" und "wundersamen Fügungen" erzählt.

Karin: "Sie schienen ein schönes Wochenende gehabt zu haben, aber weisst du, mir wäre das zu nahe und zu intensiv gewesen.

Dann fing der Vortrag an. Jedes Mal gibt es nach dem Nachtessen zuerst einen Vortrag zu einem bestimmten Thema. Die Themen sind in einem Begleitbüchlein der Reihe nach festgehalten, das am Anfang des Seminars abgegeben wird. Der Redner sagte, er werde heute eine kleine Änderung machen, er habe das Gefühl, heute brauche es ein anderes Thema, irgendwie denke er, das Thema, das an der Reihe wäre, sei für den heutigen Abend nicht das richtige. Er wählte ein Thema, das eigentlich erst drei Abende später drangekommen wäre. Es ging darum "Wie Gott uns führt". Und als er angefangen hatte zu sprechen, da dachte ich: hey, das ist genau mein Thema! Er erzählte, wie man Gott vertrauen kann und dass Gott einem führt, dass man manchmal gar nicht bemerkt, dass man geführt werde; dass man etwas entscheide und denkt, man hat das selbst getan, aber eigentlich hat Gott einem geführt. Das Vertrauen darauf - und dann hat er viele Beispiele gebracht, auch mit Wohnungen und Häusern und so - weisst du, es war, als hätte er nur zu mir gesprochen! Nach dem Vortrag freuten sich alle für mich. Sie sagten, jetzt hätte ich sozusagen auch noch etwas bekommen für das Wochenende, das ich verpasst habe. Sie haben mir dann gesagt, ich soll's doch mal versuchen mit beten und ich hab versprochen, dass ich's mal eine Woche versuche. Ob's was nützt, schaden kann es ja nicht.

Danach hatten wir dann noch die Diskussion. Ein junger Mann um die Zwanzig hat erzählt, dass er jetzt seit sechs Jahren für etwas bete. Er wisse zwar, dass er es irgendwann bekommen werde, aber dieses Warten sei ihm einfach zu lange. Sie rieten ihm, er solle einfach weiter beten und die Hoffnung nicht verlieren, er spüre ja selbst, dass es irgendwann eintreffen werde. Da hab ich gesagt, also ich verstehe, dass es ihm verleidet ist, das könnte ich auch nicht, so lange beten, bis ein Zeichen kommt, es wäre mir lieber, wenn ich zuerst ein Zeichen bekäme und dann hätte ich Vertrauen und könnte beten. Die anderen haben gelacht, das sei ja wieder typisch Karin. Ich hab dort den Ruf der Skeptikerin musst du wissen. Am Schluss sagten sie mir, sie würden alle für mich beten und da hab ich ihnen dann versprochen, dass ich's eine Woche lang versuche.

Das ist jetzt wohl das, was man 'Lovebombing' nennt, aber es ist einfach schon ein schönes Gefühl, wenn ich mir vorstelle, die beten alle für dich, die denken an dich, sind sozusagen bei dir, die Unterstützung, die du da spürst, das ist etwas Schönes."

Lilian: "Jetzt willst du also tatsächlich eine Woche lang beten?"

Karin: "Ja. Irgendwie musste ich es auch versprechen, weil sie sich so bemüht hatten und schaden kann's ja nichts. Mal sehen."

Lilian: "Du stehst jetzt sozusagen in ihrer Schuld, wenn die jetzt alle für dich beten."

Karin: "Dann bin ich nach Hause gekommen und Ruedi sass am Computer" - Ruedi ist Karins Mann - "Jetzt wusste ich nicht - ich musste ja beten und zwar laut - was Ruedi denken wird, wenn er mich hört. Dann denkt er: jetzt ist sie ganz hinüber. Ich bin also nur hingegangen und hab ihm die Sache kurz erklärt und ihm gesagt, dass ich jetzt eine Woche lang beten werde am Abend. Er hat zum Glück gar nicht gross reagiert. Ich hätte auch nicht gewusst, wie ich es ihm hätte erklären sollen. Du hast vorhin gesagt: Jetzt stehst du in der Schuld. Es ist schon so, dass ich irgendwie das Gefühl hatte, jetzt muss ich das ja schon tun, nachdem sie sich diese Mühe gemacht haben, obwohl ich es sonst vielleicht nicht unbedingt getan hätte."

Damit fängt vieles an, dem Gefühl, jetzt hat er sich solche Mühe gemacht, jetzt kann ich ja nicht einfach...

"Also ich mag solche Situationen gar nicht" meint Lilian.

Karin: "Ja und dann hättest du mich sehen sollen, wie ich da rumgestaggelt habe, beim beten! Ich bin sonst ja eine trainierte Rhetorikerin. In meiner Funktion muss ich oft mit Leuten Gespräche führen und Reden halten, aber ich hab grauenhaft an dem rumgemacht, bis ich es draussen hatte. Ich kam mir so dumm vor."

Lilian: "Ach, das muss man laut tun, beten? Weshalb denn das?"

Karin: "Ich weiss auch nicht genau warum, sie sagen, es ist wichtig, dass man es nicht in Gedanken tut, sondern es laut ausspricht."

Lilian: "Ich glaube Sigmund Freud sagte in Bezug auf die Verarbeitung von Unbewusstem, dass nichts geschieht, wenn die Dinge nur im Kopf gewälzt werden, sondern das, was eine Veränderung bewirke, sei, wenn die Dinge ausgesprochen, in Worte gefasst werden."

Karin: "Ja, das kenne ich von der Psychologie her, dass es wichtig ist, dass jemand über die Dinge spricht. Und bei der Beichte wird das ja auch einem Pfarrer laut mitgeteilt, vielleicht auch deshalb."

Lilian: "In Scientology hatten wir die Theorie, dass ein Problem ein Problem ist oder als Problem bestehen bleibt, weil man einen Teil davon verdrängt. Bei einem Problem neigt man dazu, wegzusehen, es nicht genau zu betrachten oder es mit Scheuklappen anzugehen. Wenn man jetzt über das Problem sprechen muss, ist man gezwungen, hinzusehen, da man es erklären und in Worte fassen muss. Man muss es genau betrachten in allen Einzelheiten, um es dann in Worte zu fassen und durch das Betrachten, kommt Bewegung hinein, Festgefahrenes kommt in Bewegung, es fallen einem vielleicht Dinge auf, die man vorher gar nicht erkannt hat oder Lösungen, die man vorher nicht gesehen hat. Offenbar ist das der entscheidende Akt."

Karin: "Und dann war da noch was: Ruedi war an einem Kurs gestern Abend und da waren auch ein paar Leute von der Stadt dabei. Als ich nach Hause kam, sagte er mir, die Frau, die zuständig sei wegen der Kündigung des Mietvertrages habe ihm gesagt, sie hätten sich die Sache nochmals angesehen und es sei möglich, die Kündigung auf den ersten September zu verschieben, damit wir etwas länger Zeit haben, etwas zu suchen. Ruedi war natürlich verärgert, dass sie sich das nicht schon von Anfang an überlegen konnten, dann wäre die ganze Panik nicht nötig gewesen. Ich war froh und natürlich ist mir gleich mein Satz vom Abend in den Sinn gekommen, dass ich gesagt hatte, ich wolle zuerst ein Zeichen und dann beten und nicht umgekehrt."

Lilian: "Und das war dann natürlich das Zeichen."

Karin: "Ja. Es ist schon verrückt, wie der ganze Abend gestern gelaufen ist. Ich hab den Redner noch gefragt, ob er etwas gewusst habe und er sagte nein. Ich hatte wirklich nur dem älteren Ehepaar von der Kündigung erzählt. Der hat das irgendwie einfach gespürt, dass dieses Thema jetzt ansteht."

Lilian: "Ich glaube schon auch, dass es da zwischen uns irgendwelche Verbindungen gibt, die uns gar nicht so bewusst sind. Vielleicht hat der das wirklich intuitiv einfach so aufgenommen.

Aber wegen den "Zeichen": Als ich in Scientology war, da gab es laufend solche Co-incidences, solche wunderlichen Zusammentreffen von Ereignissen, Dinge, die zufällig gerade richtig eintrafen und keiner von uns hatte an einen Gott geglaubt, geschweige denn gebetet. Ich glaube eher, dass es irgendwie damit zusammenhängt, wenn sich die Aufmerksamkeit mehrerer Leute auf eine Sache richtet, dass sich daraus eine ziemliche Kraft entwickeln kann, eine Kraft, die 'Berge versetzen' kann. Was ich heikel finde ist die willkürliche Interpretation dieses Phänomens: die Interpretation, dass das ein Zeichen von Gott sei - von ihrem Gott. Wer sagt, dass das nicht Allah ist oder einfach eine eigene Kraft?"

Karin erzählt noch, was sie jetzt tun will, wenn der Mietvertrag ausläuft. Dann muss Lilian gehen. Es ist schon nach neun und sie sollte schon bei Rita sein, der Ex-Moonie.

Unterwegs denkt Lilian über all das nach, was Karin ihr erzählt hat und wie ihr das alles bekannt vorkam. Wenn ich bei Scientologen und Anhängern von anderen Gruppierungen so viele frappante Ähnlichkeiten gefunden habe, alles so ähnlich funktioniert und abläuft und die Vertreter der anderen Gruppen genauso von der Richtigkeit ihrer Sache überzeugt sind wie die Scientologen und ehemalige Anhänger anderer Gruppen auch sagen, es gebe eben schon auch Gutes, dann müsste eigentlich von der Logik her auch der Inhalt Ähnlichkeiten haben...

dann müsste auch die Moon-Sekte mit ähnlichen Inhalten arbeiten, sonst könnte von aussen her nicht alles so ähnlich aussehen. Obwohl ich, ehrlich gesagt, ziemlich sicher bin und auch schon gehört habe, dass bei Moon wirklich alles nur Schall und Rauch ist - aber vielleicht ist das auch nur ein Vorurteil. Meine Neugier hat jedenfalls gesiegt und ich hab mich mit Rita verabredet, weit hinten in der Ostschweiz, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Abgesehen davon, klang Rita am Telefon ganz sympathisch.

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gespräch mit rita, ehemalige moon-anhängerin

Es wird zehn Uhr, bis Lilian bei Rita ankommt. Leider ist es schon stockdunkel. Die hügelige Landschaft hier soll sehr schön sein. Man spürt die Nähe des Appenzellerlandes und am Horizont wäre wohl eine ganze Reihe von schneebedeckten Bergen zu sehen. Zum Glück hat Rita den Weg so genau beschrieben, Lilian hätte den Hof sonst nie gefunden.

Rita ist etwa in Lilians Alter. Sie machen sich’s bequem mit Tee und Kuchen, Lilian entschuldigt sich für die Verspätung, erzählt ihr von dem Alpha-Seminar, das Karin besucht.

Rita: "Das ist sicher von dem Pfarrer Keller in Winterthur. Mein Bruder ist auch in so eine Bibelgruppe gegangen und dann hat er plötzlich, als er zu Besuch kam, so merkwürdige Bemerkungen gemacht und die Bibel zitiert und ist so engstirnig geworden. Dann bin ich mal mit meinem Bruder hingesessen, habe ihn ausgefragt und ihm gesagt, er sei ja schlimmer als ich, als ich noch bei den Moonies war. Er wehrte sich: nein, nein, das sei etwas ganz anderes. Dann hab ich verglichen und ihn aufgefordert, mir einmal zu erzählen, wie er es erlebt hat, als ich bei den Moonies war. Ich habe ihm die Parallelen gezeigt, aber er hat mit Abwehr reagiert - eben die typische, verteidigende Abwehr.

Schliesslich habe ich ihm gesagt, er solle einmal nicht zu den Treffen gehen, irgendeinen Grund erfinden und sehen, wie sie darauf reagieren.

Ich weiss nicht, was mein Bruder danach getan hat, auf jeden Fall ist er einige Zeit später gekommen und hat gesagt, er ginge jetzt nicht mehr in die Gruppe. Die Pfarrerin, welche die Gruppe leitete, die ging eben nach Winterthur zu diesem Pfarrer Keller.

Wenn uns Kollegen von meinem Bruder aus der Gruppe besucht haben, ist mir jeweils schon, wenn sie unter der Türe standen künstliche, klebrige Freundlichkeit aufgefallen. Ich hab nicht viel gesagt," Rita lacht etwas verlegen, "aber das war mir total zuwider."

"Ja, das geht mir auch so. Offenbar haben wir ‘Ideologiegeschädigten’ ein Sensorium für diese Dinge entwickelt, wir riechen's hundert Meter gegen den Wind, aber das haben wahrscheinlich nur die, die schon mal da durch sind." Lilian muss an ihr Gespräch vorhin mit Karin denken: "Ich wundere mich immer wieder, wie andere Leute sich so schnell von sowas anziehen lassen, zum Beispiel wie Karin mit sich ringt, obwohl sie wirklich eine kritische, aufgeklärte Person ist."

Rita: "Das stimmt, mein Bruder ja auch, er hatte das ja alles bei mir schon miterlebt, als ich bei den Moonies war."

Lilian: "Das sind die Leute, die sich sagen: sowas würde mir nie passieren."

Lilian möchte jetzt etwas über die Moonies wissen. Rita war viereinhalb Jahre dabei. Nach den obligaten Jahren als ‘Spendensammlerin’ wurde sie dort Gruppenleiterin. Sie wurde von den Eltern mit Hilfe eines Ausstiegsberaters herausgebracht und berät nun selbst Angehörige, deren Kinder oder Familienmitglieder bei den Moonies sind.

Lilian: "Wie läuft sowas denn ab?"

Rita erzählt von ihrem ersten Fall. Da seien die Eltern von einem Mädchen an sie herangetreten. "Ich zögerte, aber da es bei mir funktioniert hatte und der Berater, der mir beim Ausstieg geholfen hatte, seine Hilfe zusicherte, machte ich es. Ich kannte das Mädchen auch gut aus meiner Zeit bei den Moonies. Ich selbst hatte sie überredet zu bleiben. So war es in gewissem Sinne auch meine Pflicht, ihr wieder raus zu helfen.

Lilian: " Und was machst du, wenn so ein Gespräch mit einem Moonie zustande kommt?"

Rita: "Du sprichst einfach mit ihr, bringst möglichst viele Fakten, über das Leben von Moon, Ungereimtheiten in der Lehre und in seinem Leben, das er führt, etc. Am Anfang sagte sie gar nichts, hat einfach weggesehen. Irgendwann kommt dann etwas vom anderen und dann fängst du an zu diskutieren und das geht dann, je nachdem ein paar Tage so. Die Eltern sitzen neben ihrer Tochter und oft sind sie voller Groll und Wut und begreifen die Dummheit ihrer Tochter nicht und wollen auf ihr herumhacken mit all dem Negativen, das sie gehört haben über die Gruppe. Dann muss ich manchmal den Eltern sagen, sie können nicht einfach all das Negative bringen, es gebe auch viel Positives und sie sollten mit ihrer Tochter sprechen in einer Art, als machte sie drüben in den USA ein Studium oder so. Und am Schluss versucht man dann, in Frieden auseinander zu gehen. Ich mache auch öfters mal einen Spruch zwischendurch und lockere die Situation etwas auf."

"Wie erfolgreich ist diese Methode denn?"

"Bis jetzt habe ich das zwölf Mal gemacht und nur zwei davon gingen danach wieder zurück zu den Moonies."

Lilian: "Waren das alles Fälle in der Schweiz?"

"Nein. Es gibt nur wenige, die solche Ausstiegsberatungen machen."

"Bei den Moonies ist es einfacher, weil die voll dabei sind und auch bei der Gruppe wohnen. Bei Scientologen hätte ich Mühe mit sowas, da nicht einfach alle unglücklich sind da drin. Ich hatte mich auch schon einmal für ein Gespräch zur Verfügung gestellt. Aber da sah die Frau einfach Scientology als die Ursache für alle ihre Beziehungsprobleme an. Ich kannte ihren Mann von früher und musste ihr sagen, dass vieles auch einfach seine Art ist, wie ich sie von ihm kenne. Ich konnte ihm zwar sagen, was ich wusste, all die Dinge, die man innerhalb von Scientology nicht erfährt, aber weiter musste er dann selbst wissen, was er tut, fand ich."

"Ich hatte jetzt auch einen Fall von einem Moonie, der in eine Aussenstation verlegt worden war. Dort geht es viel milder zu und her als in den USA und er kommt an Weihnachten und sonst zwei- bis dreimal im Jahr nach Hause. Die Eltern können ihn immer einladen, wenn sie das möchten und er kommt. Er ist Leiter und da hab ich auch gesagt, ihn lässt man lieber, vielleicht kommt er mal von sich aus raus, vielleicht braucht er das im Moment auch. Die Moonies haben sich auch geändert. Vieles ist nicht mehr so extrem wie früher."

Lilian: "Sag mal, hast du auch Prospekte oder Werbematerial von den Moonies hier."

Rita holt ein paar Prospekte. Einer handelt von einem Hilfswerk in Guatemala " die Moonies ziehen das total gross auf: Ich hatte ein halbes Jahr lang Spenden nur für dieses Projekt gesammelt und viele andere auch und ich hatte viele Studenten gewonnen, die mitmachen wollten und sich bewarben. Von den über zehn, die sich beworben haben, konnten nur zwei teilnehmen. Den einen habe ich einmal getroffen, nachdem er zurück war: Ich hab herausgefunden, dass in diesem "grossen, weltweiten Projekt" nur gerade vierzig Leute schlussendlich am Ort waren. Diese vierzig Leute waren also für ganze zwei Wochen in Guatemala, dort hätten sie ein bisschen etwas renoviert, aber vor allem hätten sie PR gemacht, hätten mit dem Bürgermeister gesprochen, mit der Regierung, hätten Hilfsprojekt-Fotos gemacht und tatsächlich erscheint dieses Projekt mit Fotos im grossen Prospekt der Bewegung. Aber es schien so ziemlich eine einmalige PR-Aktion gewesen zu sein."

Lilian schaut sich die Prospekte an. Darin ist die Rede von: "Lernen, mit Leuten aus verschiedenen Ländern mit verschiedenen Interessen zusammenzuleben", "Jugend für mehr Ethik", "Lernen, in Liebe und Freundschaft zu leben."

"Das mit den Hilfsprojekten kennen die Scientologen auch. In Afrika wurden auch Lernprogramme mit Schwarzen gemacht, es scheint bei genauerem Hinsehen eine kleinere Sache gewesen zu sein, aber sie wurde gross vermarktet. Nach dem, was da in den Prospekten steht, könnten es auch Scientology-Prospekte sein. Ist es denn bei Moon so, dass er das alles tut, um sich ein schönes Leben zu machen oder ist er überzeugt davon, dass er damit auf der Welt etwas ändern kann?"

Rita: "Ich weiss es nicht. Er war schon in Korea das, was man vielleicht einen Rechtsextremen nennen würde. Er wurde vom Kommunismus verfolgt und war viel im Gefängnis. Dann hat er ein kleines Grüppchen um sich geschart. Es müssen gute Leute gewesen sein, die ihm geholfen haben, eine Organisation aufzubauen. Also, zumindest am Anfang scheint er an die Sache geglaubt zu haben. Aber er ist schon auch einer, der gut lebt. Einmal hiess es bei uns, er komme zu Besuch. Wir haben eine Woche lang geputzt, die Fenster dreimal gereinigt und zuletzt hat er im Hotel übernachtet. Ich hab mal gesehen, was es kostet, wenn er irgendwo nur einen Tag lang weilt, Unsummen von Geld. Er hat das Gefühl, er sei der Messias und so lässt er sich bedienen."

Lilian: "In Scientology, bei Hubbard, hab ich auch im nachhinein seine wirkliche Biographie gelesen und war geschockt, wie der sich teilweise durchs Leben geschummelt hat und vieles nicht so war, wie es in der offiziellen Biographie stand. Einerseits sagte ich mir dann: ich glaube doch nicht jemandem, wenn er selbst nicht nach dem lebt, was er erzählt, das ist mir zuwider. Andererseits: wenn ich mir die Biographien der Leute ansah, die sonst als Genies bezeichnet werden, dann hatte ich das Gefühl, das sind alles irgendwie Exzentriker oder Spinner - zuminde st viele davon. Wenn sie normale Menschen gewesen wären und kein spezielles Werk vollbracht hätten, hätte man gesagt, das seien komische Typen. Rousseau zum Beispiel: Er war der Begründer der modernen Kindererziehung, betonte die Wichtigkeit der Mutter-Kind-Beziehung, und dann findet man heraus, dass er all seine fünf Kinder ins Kinderheim gegeben hat, das damals mit ziemlicher Sicherheit den Tod bedeutete.

Ich will solche Typen damit nicht in Schutz nehmen, ich will damit nur sagen, wenn einer im Leben ein komischer Typ oder ein Exzentriker war, kann man daraus noch nicht den Schluss ziehen, dass das, was er geschrieben oder gesagt hat auch Humbug war. Was war denn der Inhalt der Lehre von Moon?"

Rita: "Moon hatte die Theorie, dass Gott es nie geschafft habe, den reinen Menschen zu schaffen. Zuerst war da Eva, die mit Luzifer flirtete und so kam das Unreine in ihre Kinder, Kain und Abel. Dann versuchte er es mit der Sintflut und Noah, Noah sollte die Menschheit erneuern, aber es klappte wieder nicht. Dann war da noch etwas mit Moses und Abraham und so weiter. Jesus konnte seine Mission nicht erfüllen, weil er gekreuzigt wurde und jetzt liegt es an Moon, dem Messias, der es endlich schaffen soll, die Reinheit an seine Kinder weiter zu geben. Die Bibel soll die Wiederkehr von Christus prophezeit haben nach zweitausend Jahren. Moon denkt, er sei Jesus."

Lilian: "Hat er das so direkt gesagt, er sei der Messias oder hat er einem eher indirekt darauf hingewiesen, wie das Hubbard getan hat, damit man es ihm nicht als Anmassung auslegen konnte?

Hubbard hat irgendwo in einem Buch einen Text zitiert, von dem er behauptete, er stamme aus den Veden, den altindischen Heiligen Schriften. In dem Text stand, 2500 Jahre nach Buddha werde ein Messias mit flammend roten Haaren das Werk Buddhas vollenden... die 2500 Jahre nach Buddha, das wäre dann natürlich 1950 gewesen, das Jahr, als er das Dianetikbuch herausgab und Hubbard hatte natürlich rote Haare."

Rita lacht "Aha, natürlich.

Lilian: "Aber er hat nie direkt behauptet, er sei der Messias, das hätte man als Anmassung empfunden."

"Ja, Moon hat es auch nie selbst gesagt. Aber seit seine Frau Vorträge gibt, sagt sie, dass ihr Mann der Messias sei."

Lilian: "Die Moonies glauben also an Gott und die Bibel?"

Rita: "Ja."

"Das wusste ich nicht. Ich dachte, die seien östlich orientiert. Wie kommt denn ein Koreaner zum Christentum?"

Rita: "Das weiss ich auch nicht, aber er hat Amerika immer sehr bewundert."

"Und wie sieht denn der Alltag bei den Moonies so aus? Die machen doch so Seminare, oder?"

Rita: "Ja. Wir haben die Leute von der Strasse weg für ein Seminar eingeladen. Das ging sieben Tage, von morgens bis abends um zehn Uhr. Man hat zusammen gegessen, geschlafen, gemeinsam abgewaschen, alles zusammen getan. In den Seminaren wurde die Bibelgeschichte gelehrt, so wie Moon sie sah. Jeden Tag kam ein anderes Thema an die Reihe, zuerst Adam und Eva, dann der Sündenfall, und so weiter. Moon behauptete, er habe dieses Wissen durch Eingebungen oder Visionen erhalten - was auch immer.

Wir Moonies waren an den Seminaren etwa doppelt so viele wie die Neulinge."

Lilian: "Doppelt so viele? Weshalb denn?"

Rita: "So kamen auf einen Neuling zwei Moonies, welche die Betreuung übernahmen. Jeder bekam auf diese Weise sozusagen sein ‘geistiges Kind’ zugeteilt, die Neulinge wussten das aber natürlich nicht. Wir halfen alle einander. In den Seminaren wurde gelehrt, dass man das Positive fördern sollte, dass negative Gedanken schlecht seien, man einander helfen, nett zueinander sein sollte, etc. Wir machten alles zusammen mit den Neulingen, sogar wenn sie aufs WC mussten, musste von uns zufällig auch gerade jemand aufs WC und sie wurden dort in ein Gespräch verwickelt von Kabine zu Kabine. Wir versuchten, sie ständig in Gespräche zu verwickeln. So wurden sie von morgens bis abends beschäftigt und hatten eigentlich keinen Augenblick Zeit, einmal einen Moment nachzudenken und abends waren sie so müde, dass sie das auch nicht mehr tun konnten.

Wir achteten sehr genau auf unsere Neuen und wenn wir beim Seminar das Gefühl hatten, sie seien abwesend oder besorgt oder etwas, haben wir sie sogleich darauf angesprochen: "Ich habe bemerkt, du warst etwas abwesend. Was ist los?" Und dann erzählten sie. Meist ist ihnen in den Sinn gekommen, dass sie ja noch einen Termin haben oder eine Verabredung vergessen haben oder etwas in der Art. Irgendein Problem. Wenn sie ganz einfach nicht mehr weitermachen wollten, sagten wir ihnen, sie sollten das Seminar verlassen, so hatten wir bis zuletzt nur noch die, die wirklich interessiert waren."

Wie in Scientology: Mit dem Spruch: "Du kannst jederzeit gehen, wenn du möchtest" hat man die Skeptiker draussen und beweist damit gleichzeitig, dass alles freiwillig ist und man niemanden zum Dableiben überreden will. Derjenige bekommt das sichere Gefühl, dass hier alles freiwillig ist, ohne Zwang. Erinnert mich an Pascal, der das als Scientology-Verkäufer den Leuten im Notfall immer sagte, das wirkte garantiert.

Rita fährt fort: "Um den Neuling mit einem Problem ernst zu nehmen, suchten wir dann jemanden von den Mitgliedern, der ein ähnliches Problem gehabt hatte. Dieser schaute dann, dass er ‘rein zufällig’ mit dem Neuen ins Gespräch kam und diesem erzählte er dann aus seiner eigenen Erfahrung. Ist sehr wirkungsvoll.

Verstehst du? Der Neuling hat das natürlich nicht gewusst, für ihn sah das dann wie ein Zufall aus oder eben wie eine "Fügung" oder ein "Zeichen" von Gott. Das langjährige Mitglied half dem Neuen dann auch, das Problem zu lösen und das schweisste die zwei natürlich zusammen."

Lilian muss unweigerlich an ihr Gespräch mit Karin von vorhin denken. Das muss ich Karin erzählen!

Lilian: "Und was kam danach, wenn der Kurs zu Ende war?"

Rita: "Die ersten drei bis sieben Jahre sammelte man Spenden, da war man ständig unterwegs. Wenn wir jeweils mit unserem Minibus unterwegs waren zum Spendensammeln, waren wir etwa acht Leute. Wir haben in dem kleinen Van, einem Ford Transit, gegessen, gewohnt und geschlafen. Da war in der Mitte ein Brett: unten haben die Frauen geschlafen, oben die Jungs. Ich fand das sehr gefährlich, da meist durch die Nacht gefahren wurde. Am Morgen hielt der Gruppenleiter immer einen ‘Morgen-Service’... wie heisst das?"

Lilian: "Einen Gottesdienst?"

Rita: "Ja, oder Morgenandacht. So, damit das Team wieder einheitliche Gedanken hatte, nach der kurzen Nacht – das führt zu besserer Leistung. Und dann gingen wir sammeln. Man hat am Anfang des Tages ausgemacht, wie viel man bis zum Mittag sammeln will und hat sich dann Mühe gegeben, das Ziel zu erreichen."

Aha, in Scientology sind das die Statistiken.

Lilian: "Und was geschah, wenn man es nicht schaffte?"

Rita: "Wenn man gut drauf war, optimistisch, glücklich, dann hat man natürlich mehr gesammelt, und wenn man nicht so gut drauf war, negative Gedanken hatte, lief es nicht so gut und meist ging man dann von selbst zum Gruppenleiter und versuchte, über das zu sprechen. Der fragte nach dem Grund. Das war dann so eine Art Beichte."

Lilian muss schmunzeln. Aha, ab in die Ethikabteilung... "Aha. In Scientology musst du auch die schlechten Dinge, die du getan hast, die schlechten Gedanken, etc. "beichten"."

Rita: "Ja, das waren dann so Dinge wie, dass die Burschen einer hübschen Frau begegnet waren und mit ihr schwatzten, anstatt sich auf das Sammeln zu konzentrieren."

Lilian: "Die sind dann von selbst zum Leiter gegangen, um ihre Probleme zu erzählen? Und wenn’s bei einem einmal über längere Zeit nicht lief oder er nicht zum Leiter ging?"

Rita: "Irgendjemand aus der Gruppe hat dann schon mitbekommen, was lief, was los war und hat’s dem Leiter erzählt."

In Scientology die Wissensberichte, in denen wir der Ethikabteilung berichten mussten, wenn wir beobachtet hatten, dass sich ein Mitglied nicht gemäss den Regeln verhielt.

Lilian: "Wusste der Betreffende davon, dass der andere seine Probleme dem Leiter erzählte?"

Rita: "Nein, der Leiter hat das dann wie ‘zufällig’ als Thema für seinen Gottesdienst am nächsten Morgen genommen und gesagt, wenn jemand solche Probleme habe, solle er mit ihm darüber sprechen und danach hat der Betreffende sich dann meist gemeldet."

Lilian erzählt Rita den Rest der Story von Karin, wie das mit dem Alpha-Kurs weiterging. Auch Rita lacht: "Ja, genau wie bei uns".

Lilian: "Ich muss Karin fragen, ob das ältere Paar an dem Kurs wirklich keine Chance hatte, dem Sprecher ihr Problem mit der Wohnung mitzuteilen. Es würde mich doch sehr wundern!" ( siehe Gespräch mit Karin über das Alpha-Seminar)

Rita erzählt noch etwas von den Massenhochzeiten, die Moon mit mehreren tausend Paaren durchführt in grossen Stadien. Den Ehepartner sucht man sich nicht selbst aus, das macht Moon. "Auch unter den Verheirateten war am Anfang Enthaltsamkeit angesagt. Das war - oder sollte zumindest - eine rein geistige Beziehung sein. Das hattet ihr in Scientology doch sicher auch, sowas, damit du "nicht abgelenkt wurdest" vom grossen Ziel, oder?"

"Eigentlich nur in den grossen Organisationen, den Sea-Organisationen, da durfte man keinen Sex haben vor der Heirat, aber allzu viel Zeit dafür blieb wohl auch nicht."

Enthaltsamkeit...

Mit der Enthaltsamkeit wird ein weiterer Instinkt/ Trieb unterbunden, was einem sämtliche Möglichkeiten für Ersatzbefriedigungen nimmt und einem so die ganze Macht der eigenen Sehnsucht spüren lässt und einem nur noch eine Möglichkeit offen lässt, sich eine Erleichterung von dem starken inneren Druck zu verschaffen: indem man alles, was man hat, einsetzt für diesen Weg, die Askese, die in einem einen gewaltigen Druck erzeugt und Energien freisetzt, um sich selbst weiterzubringen, zu versuchen, sich über sich selbst zu erheben.

"Die Sea-Organisation" fährt Lilian fort "das sind die, bei denen man den Vertrag für eine Billion Jahre unterschreibt."

"Oh, hast du auch so’nen Vertrag?" Rita blickt Lilian tief in die Augen und zieht die Brauen hoch.

Lilian: "Eh... ja, unterschrieben schon, aber nie angetreten."

Das mit den Heiraten ergibt für Lilian irgendwie noch keinen Sinn: "Aber sag mal, was war denn der Zweck der Heirat? Viele kleine Moonies zu zeugen offenbar nicht, wenn es keinen Sex gab!"

Rita: "Eh... wie meinst du das?"

"Ich meine: wozu, zu welchem Zweck wurden die verheiratet, was war der "höhere Sinn" dahinter, wenn sie keinen Sex haben durften?"

Rita: "Moon hat das so gesehen: zuerst sammelst du für 3½ Jahre Spenden, danach missionierst du für weitere 3½ Jahre als Fundament für eine reine Ehe. Dadurch soll die bedingungslose Liebe geübt werden. Heute wurde das etwas gelockert, aber früher musste jeder sieben Jahre Spenden sammeln und missionieren, dann wurde er als "bereit für eine Beziehung" angesehen und verheiratet. Aber auch nach der Ehe wird Enthaltsamkeit verlangt, bis Moon das Okay für die Familiengründung gibt. Dann erst dürfen sie Kinder haben. Das war die Idealvorstellung von Moon, die in der Realität natürlich nicht funktionierte."

Hubbard hatte auch diese Idee, dass du zuerst mit dir selbst in Einklang kommen musst, sonst kann eine Zweierbeziehung nicht richtig funktionieren. Dann musst du an der Zweierbeziehung arbeiten und mit ihr in Einklang kommen, bevor es in einer ganzen Gruppe funktionieren kann. Dieses "sich von Innen her langsam nach Aussen arbeiten" ist wohl hier auch der Grundgedanke.

Rita: "In der Realität hielten die Beziehungen oft nicht. Es wurde geschieden, wieder neu geheiratet und bis die Frauen endlich das Okay zum Kinderkriegen erhielten, waren sie zu alt dafür."

Lilian: "Welches Wissen wurde bei den Moonies denn vermittelt? Wodurch oder was musste man tun, wie war der Weg, um geistig weiter zu kommen?"

"Durch Beten, Fasten, Opfer bringen."

"Musstet ihr auch laut beten?"

Rita: "Ja. Das muss ein komisches Bild abgegeben haben. Wir haben da in einem Park oder so unsere Runden gedreht und vor uns hin gebetet. Was die Leute sich wohl gedacht haben, wenn sie uns so gesehen haben?"

Beide müssen ob dieser Vorstellung lachen.

Lilian: "Wie ging das denn? Betet man da, spricht man denn die Dinge, die ‘schlechten Gedanken’, die man hatte, auch laut aus?"

"Ja. Man musste für die Unreinheit um Vergebung bitten." Ritas Gesicht zeigt, wie ihr das zuwider war, dieses um Vergebung bitten "Aber weisst du, irgendwie war das ein gutes Gefühl, wenn man so alle Sorgen und Probleme laut ausgesprochen hatte, man fühlte sich dann so zuversichtlich, irgendwie."

"Das war nach der scientologischen Therapie auch so." Lilian bringt wieder ihren Freud-Spruch.

So kommen sie auch auf das Gefühl, das mit dieser Erleichterung kam: das Gefühl des Fliessens, eine Art Glücksgefühl.

Rita: "Ich hab früher Langstreckenlauf trainiert. Ist das nicht einfach das Adrenalin, das ins Blut schiesst?"

Lilian: "Ich denke nicht, das heisst, ich weiss es nicht, aber in den Texten, die ich über dieses Fliessen gelesen habe, kam das nicht vor. Das Adrenalin schiesst ausserdem bereits nach zwei Minuten ins Blut, das hat rein mit der körperlichen Anstrengung zu tun. Aber beim Fliessen spielt noch mehr mit. Du kannst acht Stunden schwere Arbeit leisten und es beginnt nicht zu fliessen. Andererseits beginnt es bei einem Komponisten zu fliessen, obwohl er nur dasitzt und nachdenkt."

Rita schenkt Tee nach. Lilian blättert noch ein wenig in den Moon-Prospekten, die Rita auf den Tisch gelegt hat. Da steht auf einem Prospekt in Grossbuchstaben etwas im Stil von: FÜR MEHR ETHIK IN DER GESELLSCHAFT.

Lilian: "Und die Moral wollen sie erhöhen. Das ist ein Argument, das an und für sich wirklich Berechtigung hätte. Die Verletzungen, die jeder jedem ständig zufügt... Da fallen mir die Leute ein, die sagen: "Mir könnte sowas nie passieren, in sowas würde ich nie reinrutschen". Pascal, mein Mann, hatte viele von dieser Sorte in seinen Gesprächen, um ihnen Kurse und Therapien zu verkaufen. Das war, als wir noch bei Scientology arbeiteten. Und alle hatten ihre Verletzungen, über die sie nicht hinwegkamen. Und daraus entsteht die Sehnsucht, dass es anders sein könnte und das Bedürfnis, etwas zu unternehmen - irgendetwas zu verändern im Leben und auf der Welt, um solche Verletzungen zu verhindern."

Rita: "Das stimmt. Das war bei mir auch das Entscheidende. Als es nach dem ersten Kurs darum ging, ob ich bleibe, sagten sie mir: "Du hast in deinem Leben auch Enttäuschungen erlebt. Hilf uns, wir wollen diese Welt ändern"."

Lilian erzählt ihr, wie wichtig auch in Scientology dieses Argument war.

Rita: "Ich habe immer darunter gelitten, wenn mein Vater mich ‘zusammengeschissen’ hat, weil meine Arbeit schlecht gemacht war. Bei den Moonies war das Problem weg und als ich zurückkam hatte ich Angst davor. Ich brauchte Ruhe und so habe ich mich in der Nähe von Bern in einem Internat für eine Arbeit beworben als Gärtnerin. Die haben mich auch für Weiterbildungskurse im Biolandbau eingeladen. Da ich sowieso sonst nichts zu tun hatte, ging ich an die Kurse. Das war für biologisch-dynamischen Landbau, die Richtung der Rudolf Steiner-Schule. Ich wusste da noch nicht, was das war. Ich fühlte mich dort sehr wohl. Alles schien so zu sein, wie man es sich so vorstellt, dass es sein müsste: die Leute waren sehr nett, jeder half dem anderen und es wurde auf einen guten Einklang mit der Nat ur geachtet. Es war ein wenig wie bei den Moonies. Als ich immer weitere Kurse besuchte, realisierte ich plötzlich: da laufen ja die gleichen Muster ab - INDOKTRINATION: Zusammen essen, der Kurs dauerte bis zehn Uhr abends, es wurde einem keine Zeit zum Nachdenken gelassen, alles war genaustens vorgeschrieben, diese Jauchen, die Brühen, die sie im Biologisch-dynamischen Landbau machen, wie viele Male man sie auf diese Seite rühren musste und wie viele Male auf die andere Seite – IDEOLOGIE!

Ich setzte alles in Bewegung, um den Vertrag aufzulösen und zu gehen. Und als ich gehen wollte, waren sie ziemlich beleidigt, sie hatten mich schon als Nachfolgerin der sechzigjährigen Gemüsegärtnerin gesehen, deshalb haben sie mich wohl auch so bevorzugt behandelt."

Lilian: "Aber manchmal überlege ich mir schon, in wie weit solcher Extremismus auch nötig ist. Ich erinnere mich, wie meine Patentante im Jura in ihrem Dorf auf Ablehnung stiess und von den Bewohnern gemieden wurde, nur weil sie biologisch anbaute auf ihrem Hof. Und dann wurde ihr ein Prozess angehängt, weil sie sich weigerte, ihre Biomilch mit der normalen Milch der anderen Bauern zusammenzuschütten. Stell dir vor, sie musste 2000 Franken Busse bezahlen, weil sie ihre Milch selbst verkaufte und nicht in die Milchzentrale brachte. Das war vor fünfundzwanzig Jahren.

Im Biolandbau oder zum Beispiel im Feminismus, auch Greenpeace mit ihren teilweise recht extremen Methoden: Offenbar braucht es ein gewisses Mass an Extremismus, um in dieser Gesellschaft etwas aufzubrechen, etwas in Gang zu setzen." Lilian erzählt von den Problemen, welche die buddhistischen Mönche aus Tibet haben, weil sie sanft bleiben wollen und doch sehen, dass sie so unter die Räder kommen "überall stellt sich immer wieder die Frage: Welche Mittel heiligt der Zweck? Welche Mittel sind angebracht, für welchen Zweck? Darf man für einen guten Zweck auch radikalere Mittel einsetzen? Das ist eine moralische Frage, die glaube ich, immer noch offen ist und durch den Krieg am Golf und in Ex-Jugoslawien wieder sehr aktuell geworden ist.

Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, dass man einfach sagen kann: sanft ist okay, aggressivere Methoden sind es nicht. Ich denke, es ist ein ganz sensibler Hochseilakt: Geht das Gewicht zu sehr auf die eine Seite, ist man zu sanft, stürzt man ab, weil man nichts erreicht. Übertreibt man zu sehr auf die andere Seite und wird zu aggressiv, stürzt man ab, weil der Druck auf die Leute zu gross ist und man Gegen-Aggression erzeugt. Und dann braucht es natürlich immer den kritischen Blick auf das, was man tut und was man vertritt: Ist das, was ich vertrete wirklich richtig?

Klar, die Sekten übertreiben auf die aggressive Seite, aber es ist eine sehr schwierige Sache."

Rita: "Aber im Biolandbau und im Feminismus wurde es ja nie so extrem, es gab nie solche Auswüchse."

Lilian: "Biolandbau und Feminismus sind in dem Sinn auch Dinge, die nicht direkt mit dir selbst zu tun haben. Dinge, zu denen man eher Objektivität bewahren kann. Das Gebiet, das Sekten zu bearbeiten versuchen hat mit dir selbst zu tun. Du fängst an, an dir zu arbeiten, es geschehen Dinge in dir drin, die dich durcheinanderbringen, dich zeitweise instabil werden lassen, und da ist es viel schwieriger, Objektivität zu bewahren. Weisst du, was ich meine?

Ich meine, hier versucht man, anderen etwas zu geben, was man selbst eigentlich noch gar nicht hat. Da beisst sich die Katze in den Schwanz, hier versuchen sozusagen Kranke, Kranke zu heilen.

Die Philosophin Hannah Arendt hat in ihrem Buch über totalitäre Systeme am Schluss die Leute, die anfällig sind für solche vereinnahmende Gruppen als "Verlassene" bezeichnet. Mit "Verlassene" meint sie verlassen als von seinen Freunden verlassen, man kann aber auch innerlich verlassen, vereinsamt sein, weil man zu den Leuten um einen herum auf innere Distanz gegangen ist - die sogenannte Gefühlskälte. Aber die ist heute überall: Die Welt scheint voll von Verletzten, die Angst haben, verletzt zu werden und aus dieser Angst heraus die Nähe meiden, eben auf innere Distanz gehen. Alle diese Leute tragen den Keim für Fanatismus in sich.

Aber das ist genau das, was diese Gruppen ändern wollen: Sie wollen menschliche Wärme, innere Nähe wieder herstellen mit ihren Methoden. Ihre Arbeit ist also mit dem Phänomen des Fanatismus eng verbunden."

Verlassenheit begünstigt Fanatismus...

Verlassenheit begünstigt Exzentriker... Schizophrene...

Um etwas neues zu finden,

muss man Neuland betreten

und um Neuland zu betreten, muss man Altes verlassen,

da Neuland sich ja gerade dadurch definiert,

dass noch niemand da ist.

Also ist der Zustand der Verlassenheit

vielleicht die notwendige Voraussetzung...

vielleicht muss man sein soziales Netz auflösen, sich in die Einsamkeit begeben,

damit es überhaupt möglich wird, sich auf Neuland zu begeben...

Vielleicht muss man damit bewusst das Risiko auf sich nehmen,

den Bezug zur Realität in einem gewissen Mass zu verlieren

und die Sicherheit, die einem das soziale Netz gibt, aufzugeben.

 

Rita: "Ich weiss nicht. Darüber müssten wir einmal in Ruhe diskutieren. Was ich einfach daneben finde, ist die Art und Weise, wie indoktriniert wird, dass einem keine Zeit zum Nachdenken gelassen wird, etc. Totalitäre Gruppen haben das Ziel verfehlt. Man darf seine Mitmenschen nicht für den eigenen Nutzen manipulieren."

Lilian: "Aber auch da: kann man das generell als schlecht bezeichnen? Die Mönche in allen Kulturen, was tun sie anderes? Sie machen genau diese Prozeduren durch und manchmal noch viel länger. Irgendwie muss diese Methode also auch ihren Sinn haben.

Sogar jeder Psychotherapeut sagt dir, irgendwann hat er den Patienten an einem Punkt, an dem er die Beziehung missbrauchen könnte, an dem er sich selbst zum Guru machen könnte. Ich denke auch hier kann man nicht generell die Methode verurteilen. Es liegt hier einzig und allein am Verhalten des Therapeuten oder des Gruppenmitgliedes, ob er diese Situation missbraucht oder nicht.

Wenn einer allein ist, geht das noch. Aber je grösser eine Gruppe wird, desto schwieriger wird es, diese Gefahr des Missbrauchs auszuschliessen: du hast keine so gute Kontrolle mehr darüber, was läuft. Du kennst die einzelnen Leute zu wenig, die in Verantwortungspositionen kommen und die Gefahr ist grösser, dass die Gruppe in Extreme abdriftet. Hannah Arendt hat sich nie in der Politik engagiert aus diesem Grund, weil sie der Meinung war, dass alle Gruppen früher oder später totalitäre Tendenzen entwickeln.

Auch da denke ich, ist es gar nicht so einfach. Es gibt nicht den sicheren Weg, der daran vorbeiführt."

Rita: "Ich sehe da schon einen Unterschied: In totalitären Gruppen kommt der Missbrauch von der obersten Spitze. Es wird indoktriniert und Macht ausgeübt. Wenn ich in meinen Ausstiegsgesprächen den Leuten den Mechanismus der Indoktrination erkläre, sagen sie manchmal: "Du tust ja genau dasselbe, nur viel schlimmer". Ich sage dann jeweils: "Ja, aber ich lasse dich danach wieder los und lasse dich dein eigenes Leben führen, lass dich selbst entscheiden, was du tust und was für dich richtig ist."

Lilian: "Ja stimmt, das ist ein wichtiger Punkt."

Ist es nicht so, dass der einen Indoktrination manchmal nur mit einer anderen Indoktrination beizukommen ist, genauso wie ausartender Gewalt, wie in Ex-Jugoslawien nur mit Gewalt von der anderen Seite beizukommen war? Aber der Einsatz solcher Mittel ist sehr heikel und das richtige Mass muss immer wieder abgewogen werden, da bereits ein bisschen zuviel eine Katastrophe verursachen kann. Und die eigenen Motive und die Möglichkeit, selbst auf einem Irrweg zu sein müssen genauestens überprüft werden.

Wir sind seit Geburt indoktriniert worden. Wir sind nicht einfach offen. Wir haben unsere festgefahrenen Klischees, unsere Vorurteile, unsere Tabus, unsere ‘Götter’ der Schönheit und des Fortschritts...

Sind Änderungen ganz ohne solche Methoden möglich?

Rita erzählt, dass sie im letzten Frühling eine Hütte für ein Wochenende gemietet hat und sich dort mit allen Ex-Moonies getroffen hat. "Weisst du Lilian, das war mein schönstes Wochenende, seit ich draussen bin. Es war beinahe wie damals: alle haben einander geholfen, wir haben zusammen abgewaschen, zusammen aufgeräumt, es war wirklich schön! – ohne Indoktrination und freiwillig!"

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gespräch mit bruno über osho/bhagwan

Mittwoch. Auf morgen Abend hat Lilian sich mit ihrem ehemaligen Nachbarn, Bruno, verabredet, um ein bisschen etwas über die Bhagwan, beziehungsweise Osho zu erfahren. Ich bin gespannt. Arbeitskollegen von ihr haben mal erzählt, dass der Typ - Bhagwan - sich mit einem Rolls Royce herumchauffieren lässt und Sex-Orgien mit Zwanzigjährigen abhalte. So ähnliches hab ich auch schon gehört. 

Am nächsten Abend fährt sie also zu Bruno. Er ist bei OSHO, das hat er ihr mal erzählt, aber sonst hat sie ihn nur flüchtig gekannt.

Eine Zweizimmerwohnung, spärlich eingerichtet, mit Natel ausgerüstet. Bruno zieht oft um. Eine alte Küche mit „Chuchichäschtli“ und Gasherd. Das Wohnzimmer ohne viel Möbel nur mit ein paar Bildern und einem Läufer am Boden, eine Stereoanlage. Das Schlafzimmer: eine Matratze war da, ein Schrank. Vor der Tür der Firmenwagen. Bruno war drei Wochen in Puna, Indien, und hat immer noch ein Jet-lag, schon am frühen Abend wird er müde. Er sei grad noch eine Runde joggen gewesen, damit er wieder wach werde. In der Mitte der kleinen Küche steht ein Bistrotischchen mit zwei Stühlen. Er macht für beide einen Tee. Sie kann wählen zwischen irgendeinem Meditationstee und Tibet-Tee. Er sitzt da in kurzen Hosen und T-Shirt, die Haare kurz geschoren. Gegen die Kette mit dem Osho-Bild dran und das orange Gewand, das Bhagwans früher immer trugen, hat er etwas, aber das werde heute nicht mehr so eng gesehen, man müsse es nicht mehr tragen. Er entschuldigt sich für seine Aufmachung – weil er noch joggen war - und stellt Tee und Honig auf den Tisch. 

Schon sind sie mitten im Thema. In Puna, da sei das Mekka von Osho. Ashram nennen sie diesen Ort, einige Quadratkilometer sei er gross, mit Teichen, Wasserfällen, und so weiter, wie man sich das Paradies vorstellt eben. „Da fühlt man sich wie im Paradies, ehrlich.“ Osho hat dort gelebt, aber eher zurückgezogen. Bhagwan Shree Rajneesh, wie er sich vorher nannte, sei im Herbst 1985 aus den USA vertrieben worden. Er sei ohne Haftbefehl festgenommen und nach zwölf Tagen Haft ausgewiesen worden. Dann ging es von Land zu Land, von einer Ausweisung zur nächsten. Er sei ein Erleuchteter. Der Mann habe aus dem Stehgreif gesprochen. Zum Beispiel habe ihn jemand zum Tod befragt aus der Audienz und er habe vier Stunden über den Tod referiert, ohne ein einziges „Eh“ dazwischen, er habe den Mann noch nie „Eh“ sagen hören. Und einmal habe einer während eines Vortrages mit einem Messer nach ihm geworfen. Das Messer sei haarscharf an ihm vorbei. „Er hat einen Moment nach hinten gesehen und dann seelenruhig weiter gesprochen, als sei nichts gewesen. Osho konnte auch sehr zynisch sein und konnte an einem Tag das sagen und am anderen Tag genau das Gegenteil davon. Das hat dich dann immer wieder auf dich selbst zurückgeworfen: du musst immer wieder selbst sehen, für dich selbst herausfinden, wie es ist.“

Lilian: „Ja, das hat Hubbard auch. Du kannst mit einzelnen Aussagen genau um 180 Grad verkehrt liegen. Du musst alles lesen und dann das Konzept kriegen vom Ganzen. Hubbard sagte, erst lernst Du die einzelnen Tasten des Klaviers kennen und dann lernst Du, die Melodie zu spielen. Bei Hubbard hat das aber oft dazu geführt, dass die Organisation eine einzelne Aussage ohne das ganze Konzept durchgedrückt hat, was dann zu völligen Fehlentscheiden führte. War das bei euch nie so?“

Bruno: „Nein. Die Organisation ist zwar etwas eigen manchmal, aber sie ist nie so organisiert. Sie stellen die Einrichtungen und alle Unterkünfte im Ashram, aber die haben nicht mal eine gute Adresskartei. Jeder bekommt dort einen anderen Namen, wenn er zum Sannyasi wird. Sannyasins, das sind die, die sich sozusagen zu Osho bekennen. Ich heisse "Nanga". Ich habe das mal getestet und hab mich über meinen Namen und meine Adresse nochmals als Sannyasi angemeldet und die haben nicht zurück geschrieben ich hätte schon einen Namen. Die haben mir einen neuen gegeben. Sie haben einfach die Adressen der Abonnenten und senden regelmässig ihre Zeitschrift „Osho-times“. Aber Du kannst nicht herausfinden wer der Rishma.... so und so ist mit richtigem Namen. Jeder hat dort einen anderen Namen und wer er richtig ist, weiss man nicht.“

Lilian spricht ihn auf die Gerüchte an, dass dort Orgien gefeiert werden. Seine Stimme nimmt einen abwehrenden Ton an – Lilian kennt diese abwehrende Haltung gut: er ist verletzt, er muss schon oft angegriffen worden sein für das, was er tut. Ja im Ashram, da werde mit Therapien gearbeitet, wie Tantra, Massagen, früher seien viele da nackt herumgelaufen, aber er hätte nie zwei gesehen, die da so einfach gevögelt hätten und in letzter Zeit, auch seit Osho gestorben ist 1990, seien strengere Regeln eingeführt worden: jeder, der in den Ashram wolle, müsse beim Eintritt einen Aidstest machen und es sei jetzt verboten, im Ashram nackt herumzulaufen. Das sei gemacht worden, vor allem weil diese Punkte oft Anlass zu Kritik und vielen Gerüchten gegeben hätten und sie ja schliesslich auch dort bleiben wollten.

Bruno: „Obwohl Osho sich eigentlich nie um diese Dinge gekümmert hat. Für ihn war auch die schlechte Presse Werbung. Er sagte, die freien Menschen, die selbstständig denken, glauben solchen Unsinn nicht (!) Und das mit dem Rolls Royce ist auch so eine Sache, den hat ihm die Hollywood-Gang geschenkt.“

Das Märchen vom Guru, der seine Sache macht, um Big Money zu machen und im Luxus zu schwelgen, kann man wohl begraben. “Gurus“ sind zumindest überzeugt von ihrer Mission. 

Dann gab es da offenbar eine Sheila, eine Abtrünnige und ehemalige Wegbegleiterin Osho’s.

„Sie und die Dinge, die sie erzählt sind wieder ein anderes Thema. Ich habe sie auch schon gesehen. Meiner Meinung nach ist das eine etwas skurrile Frau. Sie führt in Basel irgendein Altersheim, du kannst sie ja besuchen, wenn Du willst“.

Lilian fragt ihn, wie er darauf gekommen sei, auf Osho. Er habe schon als Vierzehnjähriger einmal im Brockenhaus Bhagwans Bild und ein paar alte Bücher von ihm gekauft, diese aber nicht gelesen. Das Bild von dem Mann habe ihn einfach angesprochen. Er sei immer der Meinung gewesen, man müsse etwas ganz oder gar nicht tun. Er war ein Jahr bei den Zeugen Jehovas, dann bei irgendeiner anderen christlichen Gruppe, dann lange bei den Hare-Krishna. Manchmal hat er ausserhalb gewohnt, manchmal im Tempel. Bei den Unruhen Anfang der 80er hat er mitgemacht. Sie haben Radarkästen demoliert und dabei ist er dann geschnappt worden und war sieben Wochen in Untersuchungshaft.

Bruno: „Da war ich ganz auf mich zurückgeworfen. Eine Stunde am Tag konnte ich spazieren gehen, den Rest des Tages sass ich in meiner Zelle. Das war hart, aber da hatte ich Zeit, alles durchzudenken und zu hinterfragen. Ich hab geweint, ich hab gefleht, so in letzter Verzweiflung: „ Gott, wenn es dich gibt, gib mir ein Zeichen!“ Aber es passierte nichts und zum Schluss hab ich alles hingeschmissen. Ich hatte genug von all der Beterei. Die Inder, die sind auch so: Sie haben das Gefühl, sie müssen hier auf der Erde leiden und alles durchstehen und können dann als Belohnung nach dem Tod an einen besseren Ort. Sie können das Leben nicht geniessen. Und als ich raus kam, ging ich zu Bhagwan, ich hatte die Bücher noch nicht gelesen, ich kannte keine Sannyasin, aber ich hatte sie manchmal beobachtet. Weisst du, wenn wir bei den Krishnas die Küchlein verkauften und die auch einen Stand hatten, die imponierten mir, weil sie so offen waren, sagten, was sie dachten und ich hatte das Bild von Bhagwan, das mich irgendwie beeindruckte - seine Augen. Osho legt grossen Wert auf Authentizität. Wichtig ist, dass man sich so akzeptiert, wie man ist, alle seine positiven, negativen und verrückten Seiten. Dass man authentisch ist in dem, was man tut.

Da gibt es das, was wir „the Watcher“ (den Beobachter) in Dir nennen und der versucht zu beobachten und zu erkennen, was die Gedanken sind, warum du Dinge tust. Du versuchst, Verhaltensmuster zu erkennen, wir nennen das 'Parts'. Das ist, wenn man etwas, das man zum Beispiel von der Mutter früher gehört hat, verinnerlicht hat und darum so spricht oder denkt wie die Mutter."

Die Parts ist wohl das, was in Scientology 'Valenz" genannt wurde.

Bruno: "Solche 'Parts' versucht man zu erkennen. Im Ashram gibt es dann zum Beispiel Gruppen, in denen man Übungen macht, bei denen man einem Kissen gegenüber sitzt und die Mutter spielt, oder den Vater oder wen auch immer. Man schreit dann so, wie der Vater das getan hat, etc. Oder man macht das mit einer anderen Person und spielt den Vater und versucht herauszufinden, warum der Vater so gehandelt hat, wie er es tat, und so weiter.

Das scientologische Auditing, das ich in England machte: Man wurde mit gezielten Fragen dazu gebracht, sich in die andere Person zu versetzen, mit der man Probleme hatte. Man versuchte, ihre Handlungen und Gedanken nachzuvollziehen und dadurch für einem selbst verständlich zu machen.

Lilian: "Wie läuft das denn da ab, wenn du in Puna bist, wie ist das organisiert?"

Bruno: "Da hat es verschiedene Gruppen, die verschiedene Techniken anbieten. Du gehst dann zu einem und erzählst ihm, womit du ein Problem hast oder was du gerne angehen möchtest und er sagt dir: Geh doch mal in die und die Gruppe, das könnte dir was bringen.".

Lilian: „Welche Gruppen gibt es denn da noch?“

Bruno: „Alles mögliche. Massagen zum Beispiel. Meine Freundin hatte einmal mein Bild zwischen den Schulterblättern während der Massage. Das war, weil sie sich zu stark nach mir richtete, auf mich fixiert war und sich selber dabei vernachlässigte. Oder ich habe mal so eine Rückenmassage gekriegt mit farbigem Licht - ich konnte der Frau, die mich massiert hat, sagen, welche Farbe sie auf meinen Rücken richtete, obwohl ich nichts sehen konnte, ich hab die Farbe des Lichts irgendwie auf der Haut gespürt: das war verrückt. Oder Tantra: Osho ist offen gegenüber Drogen und Sexualität. Aber im Ashram sind Drogen verboten. Rückführungen gibt es auch wie bei euch - ich hab mal ein halbes Dianetikbuch gelesen, aber mir war das irgendwie zu streng. Dass man wissen will, was man in der Vergangenheit getan hat ist ja interessant, aber..." sie diskutieren eine Weile über das Zurückgehen in die Vergangenheit und dessen Zweck.

Bruno über eine andere Technik: "Und einmal, zum Beispiel, sagte ich, ich hätte extrem Mühe mit meiner Arbeit. Der Typ fragte mich, wie ich meine Arbeit beschreiben würde, welche Ideen ich mit der Arbeit verbinde und dann fing ich an aufzuzählen: Arbeit ist mühsam, ich bin froh, wenn sie fertig ist, und dann plötzlich kam der Satz: "BRING ES HINTER DICH". Und das war der Satz, der irgendwo in meinem Kopf sass und meine Gefühle der Arbeit gegenüber beeinflusste. Da hat's ‘Paff’ gemacht und das war weg,“

Lilian: „Ja, in Scientology nennt man das "Listing". Der Therapeut stellt eine Frage und der Klient zählt alles auf, was ihm einfällt. Scientologen machen das mit dem E-Meter , ihrem Therapiegerät, das manchmal als Lügendetektor bezeichnet wird. Bei irgend einer der Aussagen gibt’s einen Riesenausschlag am E-Meter und du weisst: das ist es."

Bruno: „Ja, wobei ich denke: Das spürst du von selbst, wenn du das Richtige hast.“

Lilian: „Stimmt“ Manchmal ist es schwieriger, weil man selbst nicht daran glaubt, dass es das Richtige sein kann, man seinem Gefühl nicht vertraut.

Bruno: "Aber jetzt, als ich unten war in Puna, hab ich gar nichts von der Art gemacht. Ich bin mehr am Pool gesessen - es ist wunderschön da - und habe meditiert. Ich war sowieso seit 86 erst dreimal unten, ich geh nicht so oft“

Lilian: „Ich dachte, da gehst Du zweimal im Jahr hin oder so“

Bruno: „Ja, es gibt schon die, für die ist das wie eine Droge. Die arbeiten ein halbes Jahr und sind die andere Hälfte des Jahres unten, aber das ist nicht gut, wenn’s zur Sucht wird. Und irgendwann, das sagen dir auch andere Sannyasin, kannst Du Osho einfach nicht mehr lesen. Dann musst Du raus und einfach mal machen. Dann willst Du das nicht mehr lesen, dann willst Du tun.

Ich liebe es zum Beispiel, wenn ich meine verschiedenen Seiten einsetzen kann: Wenn ich morgens zur Arbeit gehe, dann ziehe ich meinen Panzer an, meine Rüstung.“

Lilian: „Um dich vor Verletzungen zu schützen?“

Bruno: „Ja, ein Panzer ist ein Schutz. Zum Beispiel gestern hatten wir einen Versicherungsfall mit Beulen. Da kannst Du nicht soft und gefühlvoll sein, da musst Du rein gehen und denen sagen, was los ist. Dieses Wechselspiel, das liebe ich. Und dann am Abend wenn ich nach Hause komme, ziehe ich den Panzer wieder aus. Dann muss man wieder Gefühl zeigen können. Klar, ein Erleuchteter lässt sich nicht verletzen, aber das bin ich ja nicht. Es gibt Dinge, die verletzen mich sehr, die machen mich wütend. Eine frühere Freundin von mir hat zum Beispiel einen Brief bekommen von so einem reichen Typ da in Bern. Er hat Sie eingeladen zu sich, damit sie sich zeigt und er zuschauen kann, so verfängliche Posen und so. Er bot ihr dafür Geld an. Dann stand in dem Brief „ Deinen religiösen 'Muni' musst Du ja nicht mitnehmen“ Das hat mich sehr wütend gemacht.“

Für einen Moment flammt seine Verletzlichkeit auf. Ich kenne das: Die vielen Erfahrungen, in denen sich jemand lächerlich macht über das, was man tut.

Bruno: „Ich werde dem das sagen. Ich muss dazu Stellung nehmen. Ich kann das nicht so stehen lassen. Wir legen grossen Wert auf Authentizität, dass man das tut und ausdrückt, was man fühlt. Das wird manchmal recht extrem.“ Er schiebt seinen Ärmel etwas nach oben. Kleine Kratzer sind zu sehen. „Das sind noch Narben von meiner Freundin, als ich noch an der Wiesenstrasse wohnte. Einmal, als wir so recht extrem drauf waren sind wir nackt die Strasse raufgerannt und haben uns angeschrieen. Oder auch wenn ich zum Beispiel mit Geschäftsleuten beim Mittagessen sitze, und dann kommt ein Sannyasi in seinem Gewand zu mir und sagt: „ Hallo Nanga, was tust Du denn hier?“ Dann ist das ziemlich peinlich, aber sie sagen eben das, was sie denken. Aber manchmal muss man auch Grenzen ziehen. Wir haben am Morgen um sechs Uhr einen Dynamische-Meditations-Kurs, den ich leite. Da hatte ich eine, die hat dann allen beim rausgehen erzählt, da drin, in dem Raum sei der Teufel und solchen Quatsch. Da hab ich ihr auch gesagt, sie könne schon kommen, aber sie muss aufhören, den anderen solchen Quatsch zu erzählen.“

Lilian: „Was macht ihr denn in dem Kurs?“

Bruno: „Zuerst atmen wir zehn Minuten lang ein und aus, wobei das Ausatmen sehr heftig ist“

Lilian: „Ist es das, was man Hyperventilieren nennt?“ „Ja. Danach lässt man alles raus: man schreit, springt herum oder wonach einem gerade ist und das tut richtig gut, ich sag’s Dir. Als nächstes ruft einer 'Stopp' und dann verharrt jeder in der Position, in der er gerade war. Zuletzt tanzt man noch zehn Minuten. Danach fühlst Du dich richtig gut, leer und konzentriert.“

... die Ritualtänze bei Voodoo, die Ekstasen der Pfingstler und anderer extremer Christen..... ein ausleben aufgestauter Emotionen?

Lilian: „Entschuldige, ich halte dich viel zu lange auf, wenn du morgens so früh raus musst.“

Bruno: „Nein, nein, ist schon okay.“ 

Lilian: "Was tust du da, wenn du in Puna oder so meditierst, was machst du da genau?"

Bruno: „Kennst du den Zen-Buddhismus? Der hat sehr gute Konzentrationsübungen. Du sitzt da und bist einfach leer.“

Lilian: „Meinst Du, Du hast keine Gedanken, nichts?“

Bruno: „Nein. Gedanken sind immer da, aber Du lässt sie vorüber ziehen wie Wolken und schaust ihnen zu.“

Lilian: „Du sitzt also da und schaust, was da überhaupt alles ist, was da ist, um Dich herum. Du machst eine Art Inventar deiner Gedanken?“

Bruno: „Ja, Du siehst, was da ist und siehst manchmal auch Zusammenhänge. Und manchmal kommst du an einen Punkt, wo du leer bist, einfach leer und sehr konzentriert und das ist ein sehr schönes Gefühl.“

Sie fragt ihn, ob es vergleichbar ist mit dem Flow, dem Fliessen, wie es Sportler zum Beispiel erleben. „Es ist ähnlich, aber es ist noch mehr. Es ist wahnsinnig schön, ich hab das noch nicht erreicht das wäre die Erleuchtung, aber ich habe es schon öfters so ansatzweise gespürt. Es ist, als ob man sich auflösen würde und mit den Dingen rundherum verschmelzen würde.“

Das, was man in Scientology nach einer guten Auditing-Sitzung empfindet, das Gefühl totaler Affinität, totaler Verbundenheit mit allem.

Sie möchte wissen, wie er sich eine Beziehung vorstellt, wie sie in seinen Vorstellungen aussehen würde. Er sei für Treue, das habe er gelernt, er spreche aus Erfahrung: nicht einfach mit einer anderen zu schlafen, sondern sich für die Beziehung zu entscheiden. Getrennte Schlafzimmer seien ihm wichtig.

Lilian: „Was?!“

Bruno: „Ja, das ist mir sehr wichtig und ich möchte mit meiner Freundin auch nicht zusammenziehen. Ich brauche meine Zeit und meinen Raum für mich, wohin ich mich zurückziehen kann."

Da muss ich an Pierre Enkelmann denken...

Bruno: "Und das Leben der Sexualität: dass Sexualität nicht nur unten passiert, sondern mit dem Herz. Dass es vom Herz auf den ganzen Körper ausstrahlt. Es ist wunderschön, das zu spüren. Zu viele machen Sex, ohne dass das Herz mit dabei ist. Zum Beispiel nicht spritzen. Du spritzt nicht, du wartest damit, das ist Wahnsinn, du zerspringst beinahe und erst dann spritzt du. Ich bin für Treue, aber ich möchte meine Gefühle leben können. Wenn ich also das Gefühl habe, ich brauche einen Besuch in einem Bordell, dann möchte ich das tun können. Ich möchte die Beziehung authentisch leben, sonst stimmt es nicht mehr und einander festhalten, das geht sowieso nicht. Entweder das Vertrauen in den anderen ist da und wenn es nicht da ist hilft etwas anderes auch nicht."

Avatar hat er auch gemacht. Er findet es gut. Er erzählt dasselbe wie Pierre Enkelmann.

Bruno: "Ich erzähl dir etwas, das dreitausend Franken kostet.“

„Gut. Ich erzähl dir dann auch etwas, das dreitausend Franken kostet.“ Bruno erzählt vom Avatar-Kurs, ohne genauer in die Details zu gehen. 

Lilian erzählt ihm die Story von dem Paar, das Avatar machte und abgehauen ist nach Hawaii, anstatt sich den Problemen in ihrem Geschäft zu stellen. Er findet auch, so ginge es natürlich nicht.

Lilian:„Die Gefahr ist eben, dass ein Machbarkeitswahn ausbricht und man einem Problem nicht die Zeit lassen kann, die es braucht und den verdrängten Teil auch gleich mit in das „Gedankenpaket“ packt, dass man dann anschreibt und in die hinterste Ecke des Bewusstseins verstaut. Das ist für mich das Gefährliche bei Avatar.“

Bruno: „Das ist richtig. Ich brauch' es einfach für mich. Viele arbeiten auch mit kreieren und diskreieren, wie die Frau, die das Buch über Bulimie geschrieben hat. Sie ist Avatar-Masterin und schon lange eine begeisterte Avatarin, sie hat sich jetzt dieses Buch kreiert. Ich brauche das einfach nur für mich. Und Avatar ist als Organisation schon eher wie Scientology: sehr organisiert. Das mag ich nicht so. Die "Osho-times“ – das ist das OSHO-Heft – das hat in seiner Aufmachung und den Inseraten manchmal auch schon solche Anwandlungen, das widerstrebt mir. Zum Beispiel das hier" er zeigt Lilian die Rückseite des Heftes, auf der eine Frau ihre Hände nach einem Licht ausstreckt – das könnte aus einer Scientology-Zeitschrift stammen – darunter steht geschrieben:

"Shake, rattle & roll, in der OSHO-Commune wird ihr Bild von Meditation auf den Kopf gestellt.
OSHO Commune International – wo Transformation von alleine passiert."

Na ja...

Zum Schluss gibt er ihr noch ein Zitatenbuch von OSHO mit. Sie fragt ihn, wie es bei OSHO steht mit Leuten, die ausflippen oder durchdrehen und wie sie mit denen umgehen.

Bruno: "Ja, es geschieht ab und zu, dass einer total ausklinkt. Wir hatten zum Beispiel einen Chemiker von der Uni hier. Der ist in Locarno splitternackt in einen Brunnen gesprungen, weil er fand, das stimme jetzt für ihn. Der lebt heute in so einer therapeutischen Gemeinschaft. Man versucht natürlich, mit ihnen zu arbeiten, das wieder einzuklinken, aber manchmal ist das einfach nicht mehr möglich. Dann rät man ihnen zum Beispiel, zu einem Psychiater zu gehen, der ein Sannyasi ist. Solche haben wir hier in Zürich. Aber manchmal gibt’s auch einfach Spinner – Goa ist auch in der Nähe von Puna – die mit Drogen vollgepumpt sind oder sonst verrückt spielen. Im Ashram werfen sie solche raus, weil das einfach nicht geht. Zum Glück sind solche Fälle relativ selten. Schlimmer sind die vielen Neurotiker, die sich in der Eso-Szene bewegen. Davon gibt es unheimlich viele. Leute, die einfach irgendwo einen Knacks haben, denken, sie würden von Geistern verfolgt oder was auch immer. Diese Neurotiker, finde ich, sind wirklich ein Problem. 

Lilian spricht noch den Umgang der Sannyasin untereinander an. Sie geben sich untereinander oft einen 'Hug', eine Umarmung zur Begrüssung und zum Abschied. Aber manchmal sei das auch nur so eine Farce wie Küsschen, Küsschen und komme nicht wirklich von Innen heraus. "Auch von der freien Liebe sprechen sie schlussendlich alle nur, aber wirklich praktizieren tut sie kaum einer."

Lilian: "So, jetzt lasse ich dich aber wirklich schlafen gehen."

Er lädt Lilian ein, einmal bei einer seiner Meditationen mitzumachen. Lilian: "Danke, aber ich bin nicht der exhibitionistische Typ. Ich bin nicht der Typ, der herumspringen und herumschreien kann, das kann ich nicht." Sie verabschieden sich – Küsschen, Küsschen.

 

 

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