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Probleme nach dem Ausstieg

Inhalt:
Probleme nach dem Ausstieg
Depressionen
Einsamkeit
Unentschlossenheit
Veränderter Bewusstseinszustand
Nicht mehr denken können
Angst vor der Sekte
Der 'Aquarium'-Effekt
Schuld
Verworrener Altruismus
Elite-Denken


Im Lauf der letzten zwei Jahre habe ich mit meiner Kollegin, der Psychologin Jesse Miller von der University of California in Berkeley Diskussionsgruppen (mit ehemaligen Sektenmitgliedern, Anm.) eingerichtet, an denen bisher etwa 100 Personen teilgenommen haben. Es sind überwiegend junge Leute, die gewöhnlich aus Familien der Mittel- und Oberschicht kommen, ein Durchschnittsalter von 23 Jahren haben und zwei oder mehrere Jahre auf dem College gewesen sind. Nur wenige von ihnen sind Gefolgsleute irgendeines unbekannten "Messias" gewesen, die meisten gehörten dem halben Dutzend der grössten, meist gut durchstrukturierten bekannten Gruppen an.

Probleme nach dem Ausstieg

Unsere Gruppenmitglieder haben andere Sektenaussteiger getroffen, mit denen sie sich über gemeinsame Erfahrungen unterhalten konnten. Sie erfuhren, dass auch die anderen unzufrieden gewesen waren mit ihrer Situation in der Sekte, erhielten von ihnen politische und wirtschaftliche Informationen über die Aktivitäten der Sekten. Informationen, die ihnen teilweise völlig neu waren. Und sie lernten, dass auch die anderen ähnliche Reaktionen auf die Praktiken der Sekte gezeigt hatten. Auf jeden Fall waren die Tage nach dem Ausstieg aus der Sekte - ob dieser nun freiwillig geschah oder nicht - eine Möglichkeit, alles noch einmal zu überdenken oder es erst einmal wegzuschieben, auf sich beruhen zu lassen und auf jeden Fall alte Freunde und Bekannte wiederzusehen - vor allem aber Abstand zu ihren Gefühlen zu bekommen. Nur wenige kehrten nach der Zeit zu Hause wieder zur Sekte zurück, die Mehrzahl hat sich entschlossen, ihr weiteres Leben ausserhalb irgendeiner Sekte zu führen.

Es ist oft so, dass das Leben in einer geschlossenen Gemeinschaft so verschieden ist von dem sonstigen alltäglichen Leben, dass den Betroffenen die Umstellung ähnlich schwerfällt wie zum Beispiel einem Häftling nach der Entlassung aus dein Gefängnis. Oft wird behauptet, dass Leute, die sich Sekten anschließen, bereits gestört seien und dass die nach dem Ausstieg aus der Sekte auftretenden Probleme praktisch die aufgeschobenen von "vorher" wären.

Auf der anderen Seite scheinen einige Phänomene bei früheren Sektenmitgliedern spezifisch zu sein:

Die Mehrzahl der ehemaligen Sektenmitglieder, die uns aufsuchten, hatten zu dem einen oder anderen Zeitpunkt ein paar oder sogar alle der nachfolgend aufgeführten Schwierigkeiten. Alle haben uns erzählt, dass sie zwischen sechs und acht Monaten brauchten. um ihr Leben wieder so zu ordnen, wie es vorher war und ihre eigenen Fähigkeiten wieder zu entdecken.

Depressionen

Durch ein 24-Stunden-System von kultischen Ritualen, Arbeit, Gottesdienst und Gemeinschaftsleben bieten die Sekten ihren Mitgliedern das Gefühl, "sinnvoll" zu leben. Nach dem Verlassen der Sekte werden die meisten wieder von einem Gefühl absoluter Sinnlosigkeit befallen. Zudem müssen sie sich mit all den persönlichen Problemen und Beziehungen auseinandersetzen, die zum Zeitpunkt ihres Eintritts in diese Sekte bestanden und meist auch in der Zwischenzeit nicht gelöst worden sind.

Die Aussteiger müssen aber auch mit einer Vielfalt von Verlusten fertig werden. In unseren Gruppen kommt oft zum Ausdruck, dass sie die verlorenen Jahre bedauern, die sie abseits der "Hauptstrasse" des täglichen Lebens verbrachten. Sie bereuen es, anderen Gleichaltrigen nicht ebenbürtig zu sein, nicht eine ebensolche Karriere gemacht oder das Leben genossen zu haben. Meist bekommen sie dann das Gefühl, ihre "Unschuld" und ihre Selbstachtung verloren zu haben.

Einsamkeit

Eine Sekte zu verlassen bedeutet auch, viele Freunde, eine Gemeinschaft mit kollektiven Interessen, die Vertrautheit und Intimität gemeinsamen Erlebens hinter sich zu lassen. Es bedeutet auch, sich neue Freunde in einer verständnislosen oder als argwöhnisch wahrgenommenen Weit suchen zu müssen. Vor dem Sektenbeitritt hatten sich viele unserer Gruppenmitglieder mit sexuellen, partnerschaftlichen oder Eheproblemen auseinandergesetzt. Die Sekten reduzieren diese Art von Problemen, indem sexuelle Kontakte und das Eingehen von privaten Beziehungen eingeschränkt werden, offenbar um die Mitglieder auf "die Arbeit des Meisters" zu konzentrieren. Sogar Eheschliessungen, falls erlaubt, sind den Sektenregeln unterworfen. Da Sexualität stark kontrolliert wird, bieten Freundschaften manchen Leuten eine besonders grosse Sicherheit. Sich nach bestimmten Regeln nur brüderlich oder schwesterlich zu lieben, kann einem jungen Erwachsenen, der mit Sexualität und Liebe grosse Probleme hat, einiges an Entlastung geben.

Sofort nach dem Ausstieg aus der Sekte suchen manche einen Ausgleich für die verlorene Zeit in wahren Orgien von Alkohol, Freundschaften und sexuellen Abenteuern. Dies wiederum ruft oft übermässig Schuld- und Schamgefühle hervor, wenn sie die Verbote ihrer Sekte mit ihrer neuen Freiheit vergleichen. Valerie, eine 26-jährige frühere Lehrerin, erzählte: "Gleich als ich herauskam, ging ich mit jedem Mann aus, der Interesse an mir zeigte - irgendwelche Typen, Freaks - ich war sogar mal mit einem Drogen- Dealer zusammen, bis ich auf der Autobahn seinen Wagen zu Schrott fuhr. Ich war vorher nie so gewesen."

Andere geraten einfach in Panik und versuchen, ganz zu vermeiden, Leute zu sehen. Einer bemerkte: "ich hatte ziemlich viele sexuelle Erfahrungen, bevor ich der Sekte beitrat. Und jetzt ist es, als wäre ich vollkommen unerfahren; ich bin gehemmter als ich es früher in der Schule war. Ich fühle mich schon sexuell schuldig, wenn ich nur daran denke, ein Mädchen um eine Verabredung zu bitten. Die haben mir wirklich eingeredet, Sex sei schlecht!" Umgekehrt gab es einige Gruppenteilnehmer, die in "ihrer" Sekte zu sexuellen Orgien gezwungen wurden. Eine Frau beschrieb den Sektenführer folgendermassen: "Er benutzte Orgien, um unseren Widerstand zu brechen. Wenn jemand keinen Gruppensex mochte, dann sagte er, derjenige hätte einen psychologischen Komplex, den man beseitigen müsse, denn er hindere uns alle daran, zu schmelzen und uns zu vereinigen."

Unentschlossenheit

Einige Sekten schreiben buchstäblich jede einzelne Tätigkeit des Tages vor. Was und wann zu essen ist, welche Kleidung man tragen muss, was bei Tag und was bei Nacht zu tun ist; das Duschen, die Reinigungsprozeduren; die Schlafpositionen. Der Verlust einer Lebensform, in der alles geplant ist, schafft eine "Zukunftsleere", wie einige unserer Gruppenmitglieder es ausdrücken, eine Leere, in der sie plötzlich ganz allein dastehen und ihre Zukunft planen und leben müssen. Jemand sagte: "Freiheit ist grossartig, aber viel Arbeit." Einige Leute können keinen einzigen durchdachten Plan für sich selbst aufstellen, ob es sich dabei um Jobsuche, die Schule oder das soziale Leben handelt. Manche müssen geradezu gezwungen werden, sich einen Wecker und einen Notizblock anzuschaffen, um überhaupt aufstehen und irgendwelche belanglosen Alltagsverrichtungen tun zu können. Eine Frau, die unfähig war, eine Arbeitsstelle zu behalten oder sich auch nur um ihre Wohnung zu kümmern, seitdem sie aus der Sekte ausgetreten war, meinte: "ich komm' in die Wohnung und kann mich nicht entscheiden, was ich tun soll - putzen, das Bett machen, kochen, schlafen oder was sonst. Ich kann mich für nichts entscheiden und so gehe ich schlafen. Ich weiss nicht einmal, was ich kochen soll. Die Gruppe belohnte mich immer mit Bonbons und Zucker, wenn ich tüchtig war, und jetzt ruiniere ich meine Zähne, weil ich nur Süssigkeiten und Kuchen esse."

Abgesehen von den Schwierigkeiten, zu Entscheidungen zu kommen, scheinen diese Probleme nicht unbedingt auf spezielle Verhaltensänderungs-Techniken dieser Sekten zurückzuführen zu sein. Anders ist es jedoch mit den beiden folgenden Punkten:

Veränderter Bewusstseinszustand

Von dem Zeitpunkt an, zu dem Interessenten ins Domizil der Sekte eingeladen werden - zum "Ashram", "unserem Landhaus", der "Familie", dem "Center" - ebenso wie nach der Aufnahme, werden sie in einen Zyklus langer, sich wiederholender Vorträge eingespannt. Diese bestehen aus hypnotischen Metaphern und ekstatischen Gedanken, stundenlangem Singen in halbwachem Zustand, die Aufmerksamkeit fesselnden Liedern und Spielen, und nicht zuletzt aus Meditationen. Mehrere Gruppen pflegen ihre Mitglieder mit Kopfhörern ins Bett zu schicken, damit sie auch während des Schlafens noch Predigten hören, nachdem bereits stundenlang Ermahnungen des Sektenführers auf Tonbändern in wachem Zustand angehört worden waren. All dies sind Praktiken, die einen veränderten Bewusstseinszustand, nämlich Ekstase und Beeinflussbarkeit, erzeugen.

Viele, die das einmal mitgemacht haben, stellen nach dem Verlassen der Sekte fest, dass eine Reihe von Bedingungen - etwa Stress, ein Konflikt, ein depressives Tief, bestimmte bedeutungsvolle Worte oder Ideen - dazu führen können, dass sie in den tranceähnlichen Zustand zurückkehren, der ihnen von den Sektentagen her bekannt ist. Sie erzählen, dass sie dann in die vertraute, unerschütterliche Lethargie fallen und Halluzinationen haben, als hörten sie noch die Ermahnungen des Sektensprechers. Diese Empfindungen des "Abgleitens" - ganz ähnlich wie die flashbacks (Rückblenden) von Drogenabhängigen - erscheinen am häufigsten unmittelbar nach dem Verlassen der Gruppe, bei einer Reihe von Leuten jedoch noch Wochen oder Monate später. Ein junger Mann namens Ita hatte vor seinem Sektenbeitritt sein Diplom in Betriebswirtschaft gemacht. Nach zwei Jahren täglicher und nächtlicher Berieselung durch Kopfhörer und Tonbänder arbeitet er jetzt in einer Fabrik - "bis ich meinen Kopf wieder hin kriege!" Er hat Angst, verrückt zu werden, "Wochen, nachdem ich die Sekte verlassen hatte, meinte ich, plötzlich den Sektenführer sagen zu hören: 'Du wirst immer wieder zurückkommen. Du gehörst zu uns. Du kannst Dich niemals von uns trennen.' Ich vergass dann immer, wo ich gerade war, dass ich jetzt nicht mehr in der Sekte war. Einmal bekam ich solche Angst, dass ich mir selbst ins Gesicht schlug, um diese Stimme zu unterbrechen."

Jack, früher Physiologie-Student im Hauptstudium, hatte mehrere Jahre einer Sekte angehört. Er erzählt: "Ich ging an meine Universität zurück, um mit meinem Doktorvater zu sprechen. Während unseres Gesprächs schrieb er seine Gedanken an die Tafel. Plötzlich gab er mir die Kreide und sagte: 'Umreissen Sie einige Ihrer Gedanken'. Er wollte, dass ich kurz meine Pläne darlegte. Ich ging zur Tafel und zog einen Kreis um die Worte des Professors. Ich hatte wie ein kleines Kind reagiert. Seine Worte hatte ich als wörtliche Befehle aufgefasst: Ich zog eine Linie um die an die Tafel geschriebenen Ideen. Als ich sah, was ich getan hatte, war ich plötzlich verlegen. Ich war auf einmal geistig weggetreten, und so etwas passiert mir immer noch gelegentlich."

Während unserer Gruppendiskussionen stellen wir oft fest, dass einige "abgleiten", wenn wir uns nicht um einen Konzentrationspunkt bemühen. Verfällt einer der Teilnehmer in ausschweifende Schilderungen im abstrakten Sektenjargon, dann kann das bei den andern zu einer Art Ansteckung führen. Sie erklären, diese Situation gleiche dem Zustand, in den sie während der Meditationen oder Vorträge gefallen waren, es verwirre sie. Sie haben Angst davor, wahnsinnig zu werden und das "Gleiten" niemals mehr unter Kontrolle zu bekommen. Man kann solche brisanten Situationen allerdings vermeiden, indem man sich an konkrete Themen hält und sein Gegenüber direkt anspricht.

Für viele ist es eine grosse Erleichterung zu erfahren, dass andere dieselben Rückblenden erleben, dass sie kontrolliert werden können und dass dieser Zustand schliesslich verschwinden wird. Übrigens sind diejenigen, die noch nach langer Zeit "abgleiten" - das kann bis zu zwei Jahren nach Austritt aus der Sekte dauern - gewöhnlich dieselben, die vor dem Eintritt in die Sekte unter schweren Depressionen, extremer Unentschlossenheit und anderen Störungen gelitten hatten.

Nicht mehr denken können

Die meisten Sektenaussteiger sind weder dumm noch ausgesprochen verwirrt. Trotzdem berichten sie von bestimmten Wahrnehmungsstörungen und Veränderungen des Denkens, die einige Zeit brauchen, um zu verschwinden.

Jack, der Physiologie-Student, beschreibt es so: "Ich merke seit einiger Zeit, dass etwas anfängt zurückzukommen. Eines Tages fiel mir auf, dass es mein Denken ist, das sich allmählich erweitert. Ich kann wieder komplizierte Zusammenhänge erkennen. Die Gruppe hatte mich langsam, Schritt für Schritt, von allem abgeschnitten ausser dem simpelsten Schwarz-weiss-Denken. Man wird am logischen Denken gehindert, indem sie einem immer wieder sagen: 'zweifle nicht, sei nicht negativ!'. Und nach kurzer Zeit denkt man nur noch arglos in Begriffen von ja/nein - richtig/falsch."

Viele aus den Sekten Ausgestiegene, wie lra, der Fabrikarbeiter oder Jack, jetzt Krankenpfleger, müssen einfache Arbeiten annehmen, bis sie wieder ihre früheren geistigen Fähigkeiten zurückgewinnen.

Viele berichten, dass sie auch jetzt noch fast alles, was sie hören, akzeptieren, so als ob die Fähigkeiten des Abwägens und der Kritik aus ihrem Leben vor der Sekte ausser Kraft gesetzt worden sind. Sie können nicht zuhören und nicht urteilen; sie hören, glauben und gehorchen. Einfache Äusserungen von Freunden, Bekannten und Mitarbeitern werden als Befehle aufgefasst, auch wenn man keine Lust hat, das zu tun, was von einem erwartet wird, oder es sogar verabscheut. Eine Frau stand beispielsweise mitten in der Nacht auf und tat das, wozu sie ein Freund am Telefon aufgefordert hatte: "ich lieh mir den Wagen meines Vaters, um ungefähr 65 Meilen aufs Land hinauszufahren. Das alles, um diesem Jungen, den ich ein einziges Mal in einem Kaffee getroffen hatte, gestohlene Ware transportieren zu helfen. Nur weil er auf eine derart starke und autoritäre Art zu mir am Telefon gesprochen hatte. Ich kann es gar nicht fassen, wie sehr ich noch gehorche!"

Immer wenn dieses Verhalten in unseren Gruppensitzungen auftaucht, diskutieren wir über den ausdrücklichen Befehl der verschiedenen Sekten, ihre Regeln oder Lehre nicht in Frage zu stellen. Wir versuchen zu begreifen, welche Auswirkungen ein monate- oder jahrelanges Leben in solchen Befehls- und Gehorsams-Situationen auf die einzelnen gehabt hat. Einige Leute, die in besonders autoritären Sekten gewesen waren, beschrieben, wie sie gedrängt wurden "den Verstand zu übergeben ... zu akzeptieren ... zu schmelzen ... zu gleiten ... Frage jetzt nichts, später wirst Du verstehen." Es wird nicht geduldet, dass jemand widerspricht oder ein Gegenargument hat "Sei nicht negativ, widersetze Dich nicht, ergib Dich!"

Joan war vor ihrem Beitritt zur Sekte eine politisch wache Studentin gewesen: "Auf der Uni gehörte ich zur radikalen Feministinnen-Gruppe. Außerdem war politisch radikal. Ich habe versucht, das System zu stürzen. In drei Monaten hatte die Gruppe mich total umgekrempelt, und ich gehorchte jedem. Immer noch habe ich die Tendenz, jedem zu gehorchen, der sagt 'mach mal', 'hol mir', 'geh dahin oder dorthin'."

Ginny war - nach den Worten ihrer Familie - "ausgesprochen eigenwillig. Es war unmöglich, sie zu irgend etwas zu zwingen, was sie nicht tun wollte." Jetzt klagt sie: "Jeder Typ, der von mir irgend etwas verlangt, da fühle ich mich gezwungen ja zu sagen; ich habe das Gefühl, ich müsste mich für sie opfern; genau das habe ich ja vier Jahre in der Gruppe gemacht."

Angst vor der Sekte

Die meisten Sekten setzen alles dran, um zu verhindern, dass ihre Mitglieder aussteigen. Einige, die es geschafft haben, erzählen, ''wie sie gewarnt worden sind vor der ewigen Verdammnis für sich selbst, ihre Vorfahren und ihre Kinder. Da viele Sektenaussteiger einen Rest an Glauben an die Sekte zurückbehalten, kann dies allein schon eine schreckliche Last sein. Berichten zufolge reichen die Bemühungen, ausgetretene Mitglieder wieder in die Sekte zurückzubringen, von relativ harmlosen Belästigungen bis hin zu Gewalttätigkeiten. Viele ehemalige Sektenangehörige und ihre Familien lassen ihre Adressen aus den Telefonbüchern streichen, einige ziehen an neue, nur Eingeweihten bekannte Adressen, andere ändern sogar ihren Namen und leben an weit entfernten Orten.

Eine Ursache für die Angst der Aussteiger ist oft die Erinnerung daran, wie sehr sie erniedrigt wurden, wenn sie einmal nicht gehorchten.

Kathy, die über fünf Jahre in einer Sekte war, sagt: "Einige der älteren Mitglieder könnten mich immer noch erreichen und mich fertigmachen - wie damals, als ich deprimiert war und nicht sammeln gehen oder neue Mitglieder werben konnte. Ich war schwach und kraftlos. Sie holten mich zum Führer und der schrie mich an: 'Du rebellierst zu sehr! Ich werde Deinen Geist brechen! Du hast einen zu starken Willen!', und sie zwangen mich zu ihren Füssen zu kriechen. Ich flippe noch immer aus, wenn ich mich daran erinnere, wie sie mich an dem Tag an den Rand des Selbstmords getrieben haben! Noch lange Zeit später konnte ich nichts anderes tun, als beim Kochen helfen. Ich kann mich kaum an Einzelheiten erinnern - es war wie ein böser Traum."

Insgesamt jedoch scheint es, dass die Mehrzahl der religiösen Sekten mehr Energie darauf verwendet, neue Mitglieder anzuwerben, als alte zurückzuholen. Und trotzdem, sogar nach dem Verschwinden der anfänglichen Angst vor Vergeltungsmassnahmen, machen sich die Aussteiger immer noch Sorgen darüber, wie sie sich bei nicht zu vermeidenden zufälligen Begegnungen mit ihren alten "Brüdern" und "Schwestern" auf der Strasse verhalten sollen. Sie rechnen damit, dass bei ihnen alte Schuldgefühle über das Aussteigen hochkommen und dass die anderen ihr jetziges Leben verdammen werden. Besonders grosse Angst haben diejenigen, die einen Ehemann oder eine Frau in der Sekte zurückliessen. Jeder Versuch, Kontakt herzustellen, kann dazu führen, dass die Verbindung vollkommen abbricht. Oft gibt es langwierige und schmerzhafte Rechtsstreitigkeiten um die Erziehungsgewalt über die Kinder oder die Vormundschaft zwischen ehemaligen und zurückgebliebenen Sektenmitgliedern.

Sogar Reporter, die als Scheininteressenten für einige Tage zu einer Sekte gingen, um eine Geschichte zu bekommen, fühlten ein ungeheures Mitleid für die echten Mitglieder, die sie in der Sekte zurückliessen. Einer von ihnen, Dana Gosney, schrieb, dass er nach seiner Ankündigung, er werde jetzt die Sekte verlassen, dreieinhalb Stunden brauchte, um sich aus der Gruppe zu entfernen. Man verweigerte ihm die Erlaubnis zu gehen, bat ihn inständig dazubleiben, erzählte ihm, das Telefon sei kaputt, um zu verhindern, dass ihn jemand abholte. "Schliesslich", sagt er, "hatte ich zwei Schritte hinter dem Ausgang das Gefühl zu fallen und wollte mich festhalten. Die ganze Zeit schon war mir schlecht gewesen, jetzt musste ich mich übergeben. Dann fing ich an, völlig unkontrolliert zu weinen. Ich weinte um die, die ich zurückgelassen hatte."

Der Aquarium-Effekt

Ein besonders schwieriges Problem ehemaliger Sektenmitglieder ist die Tatsache, dass Familie und Freunde ständig in Alarmbereitschaft sind. Bei dem kleinsten Hinweis darauf, dass die Schwierigkeiten im täglichen Leben den Betreffenden in die Sekte zurücktreiben könnten. Schon Erscheinungen wie Tagträume, geistige Abwesenheit, ein zeitweise veränderter Bewusstseinszustand und ein Gespräch über die Sektentage mit einer leicht positiven Tendenz kann Alarm in der Familie eines früheren Sektenmitglieds auslösen. Oft merken das die Ex-Mitglieder genau, aber weder die eine noch die andere Seite weiss, wie man darüber offen reden könnte.

In der Tat wollen Zurückgekehrte oft über positive Aspekte ihrer Sektenerlebnisse sprechen. Aber im allgemeinen haben sie das Gefühl, dass andere von ihnen nur Negatives hören wollen - sogar in unseren Gruppen. Aber es gab ja tatsächlich einiges Positive: Die Freude, sich für etwas zu engagieren, auf ein Ideal hin zu arbeiten, einfach zu leben, enge Freundschaften zu schliessen oder sogar Liebesaffären zu haben. Zum Beispiel auch die Tatsache, dass das Sektenleben sie lehrte, anderen Menschen mit grösserer Offenheit und Wärme zu begegnen, als sie das vor ihren Sektentagen je konnten. Einer rief aus: "Wie kann ich Euch nur klarmachen, wie grossartig das war, was mit mir geschah - dass ich mich seither nicht mehr davor fürchte, zurückgestossen zu werden?! So lange ich in der Kirche war und den Strassenverkauf mitmachte, wurde ich von tausenden von Leuten, denen ich mich näherte, abgelehnt - und ich lernte, es zu akzeptieren. Vor der Zeit in der Sekte hatte ich einen wirklichen Horror davor, auf irgendeine Weise abgelehnt zu werden!"

"Warum bist Du da bloss hingegangen?" Diese Frage ist für die meisten schwer zu beantworten. Man muss die Raffinesse der Werbeprozeduren beschreiben und die Art der Überredung und Unterweisung. Am schwierigsten ist noch zu erklären, warum es so unmöglich scheint, einfach von einer Sekte wieder wegzugehen. "Die Leute können einfach nicht verstehen, was die Gruppe einem in den Kopf setzt", sagt ein Ex-Mitglied, "wie sie mit Schuldgefühlen und Nöten spielen! Gegen eine verschlossene Tür kann man anrennen, kann sie aufbrechen, wenn man wütend ist, aber geistige Ketten sind schwer zu sprengen! Das schwierigste, was ich in meinem Leben je gemacht habe, war aus der Gruppe auszutreten und die wirklich schweren Fesseln meines Geistes loszuwerden!"

Schuld

Nach unseren Informationen ist die bewusste Täuschung ein bedeutender Bestandteil der Sektenaktivitäten, besonders im Bereich des Sammelns von Beiträgen und des Anwerbens neuer Mitglieder. Die Unehrlichkeit wird offensichtlich dadurch gerechtfertigt, es geschehe alles zum Wohl der Sekte oder der angeworbenen Personen. Ein Mädchen erzählte uns, sie hätte Post von und an Interessenten zensiert, Telefonanrufe zurückgehalten, Eltern angelogen und ihnen gesagt, sie wüsste nicht, wo ihre Kinder seien. Und sie hätte Spender beim Sammeln auf der Strasse angelogen. "Da ist etwas in mir, das um jeden Preis überleben, das leben will, das geben, das ehrlich sein will", bemerkte sie. "Und ich war nicht ehrlich, als ich in der Gruppe war. Wie haben sie das bloss geschafft, mir einzureden, dass das alles richtig war! Ich habe eigentlich nie geglaubt, dass das alles mit rechten Dingen zuging, aber sie sagten immer, es sei o.k., weil wir eben so wenig Zeit hätten zur Rettung der Welt!"

Verworrener Altruismus

Viele dieser jungen Leute wollen nach dem Austritt aus der Sekte Wege finden, Nächstenliebe zu praktizieren, ohne wieder eine Schachfigur in einer anderen manipulierenden Gruppe zu werden. Einige fürchten, sie seien "groupies" geworden, die sich wehrlos in eine kontrollierende Organisation verstricken liessen. Und doch haben sie das Bedürfnis, sich zu engagieren, sich gemeinsam mit anderen für ein "gutes" Ziel einzusetzen. Aber die Wahl fällt schwer angesichts der vielen sozialen, religiösen, philantropischen, "dem Volke" oder "dem Menschen dienen" -wollenden Organisationen, die auch noch untereinander konkurrieren. Unsere Diskussionsgruppe neigt dazu, den Betreffenden vor dem Beitritt irgendeiner neuen "Gruppe für innere Erleuchtung zu warnen". Statt dessen schlagen wir meist soziale, schul- oder arbeitsbezogene Aktivitäten vor. Ein zusätzliches Problem besteht in dem veränderten Umgang mit Geld. Viele Sektenmitglieder bekommen täglich beim Sammeln für die Sekte auf den Strassen mehr Geld zusammen, als sie jemals in irgendeinem Job am Tag verdienen könnten. Die meisten Sekten schreiben ihren Mitgliedern vor, täglich 100 bis 150 Dollar zu verdienen. Besonders geschickte und engagierte Sammler sagen, sie könnten täglich bis zu 1500 Dollar auftreiben. Vor Gericht gab einmal jemand an, er habe in drei Jahren eine Viertelmillion Dollar durch Blumen- und Süssigkeitenverkauf und Betteln eingenommen.

Elitedenken

"Sie bringen Dich so weit, dass Du glaubst, nur sie allein wissen, wie die Weit zu reiten sei!", erinnert sich ein Mitglied. "Du glaubst, Du gehörst zur Vorhut der Geschichte ... Du wurdest aus der anonymen Masse auserwählt, dem Messias beizustehen ... als Erwählter stehst Du ausserhalb des Gesetzes ... schliesslich glaubst Du selbst in aller Demut und Ekstase, Du bist für Gott, die Geschichte und die Zukunft wertvoller als andere Menschen." Offensichtlich ist eine der bittersten Ernüchterungen beim Austritt aus der Sekte, dass auch das Gefühl auserwählt zu sein, Mitglied einer Elite zu sein, aufhört.

Es zeigt sich aus unserer Arbeit, dass Therapeuten - auch Freunde und Familienangehörige -, die dem Aussteiger helfen wollen, zumindest eine gewisse Kenntnis des Inhalts eines Sektenprogramms haben müssen, um zu begreifen, was das Ex-Mitglied eigentlich zu beschreiben versucht. Auch ist es wichtig, ob man in der Lage ist zu erklären, wie die Techniken zur Verhaltensänderung funktionieren. Ein ehemaliges Sektenmitglied konsultierte einen Therapeuten, ging dann aber nach zwei Sitzungen nicht mehr hin, weil der Therapeut "reagierte, als ob ich mir das alles ausgedacht hätte oder als ob ich verrückt wäre, er wusste offensichtlich nur noch nicht, welches von beidem zutraf. Dabei hab ich ihm nur geschildert, wie es in der 'Familie' war."

Viele Therapeuten versuchen, den Erfahrungsschatz der Sektenmitglieder zu übergehen, um sich auf langfristige Persöhnlichkeitsmerkmale zu konzentrieren. Aber wenn er (oder sie) nichts von den Erfahrungen weiss oder verstehen kann, die ein ehemaliges Sektenmitglied quälen, dann ist der Therapeut unserer Meinung nach unfähig, wirklich mit seinem Klienten zu diskutieren oder den Vorgang auch nur annähernd zu begreifen.

Wer das Sektenerlebnis verallgemeinert betrachtet, kann zu der falschen Annahme kommen, die jeweilige Person hätte eine spontane religiöse Bekehrung erlebt. Dabei würde er aber ausser acht lassen, welche intellektuellen Werbetaktiken und intensiven Beeinflussungsprozeduren von den Sekten angewandt werden, um Mitglieder anzuziehen und zu behalten. Auf diese Weise kann dann der Fehlschluss entstehen, die Verhaltensweisen des ehemaligen Sektenmitglieds seien Symptome eines seit langer Zeit feststehenden psychopathologischen Zustandes. 

Viele Aussteiger fürchten, niemals mehr "normal" leben zu können. Daher ist es oft sehr wichtig und ermutigend für sie zu erfahren, dass die meisten der anderen Betroffenen aus den Diskussionsgruppen sich schliesslich wieder völlig im Besitz ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten fühlen und wieder unabhängig werden. Solche Erfahrungen sollten von Leuten, die mit solchen Gruppen in Zukunft arbeiten wollen, auf jeden Fall berücksichtigt werden. 

Auszug aus einem Text von Dr. Margaret Thaler Singer
Margaret Thaler Singer war Professorin für Psychiatrie an der University of California in San Francisco und im Fachbereich Psychologie der University of California in Berkeley.

Das Buch von Margaret Thaler Singer: Sekten: Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wiedergewinnen können

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